Was wirklich zählt

Die Kürzestfassung des Allerwichtigsten

Immer lauter, schneller, bunter – das sind die Prämissen, nach denen unsere moderne Gesellschaft zu funktionieren scheint. Laut einer Studie dauert es ganze 20 Sekunden, bis sich die Aufmerksamkeit lesender Personen erschöpft hat und man sich lieber wieder einem anderen Thema zuwendet, anstatt seine wertvolle Lebenszeit mit uninteressanten Texten zu verschwenden. Es sei denn, die Lektüre hat etwas an sich, das unweigerlich Aufmerksamkeit auf sich zieht und diese auch zu halten versteht. Bilder eignen sich zu diesem Zweck hervorragend, besonders, wenn sie möglichst groß sind und Menschen beinhalten; ebenso effektiv ist eine plakative Sprache, die mit vielen provokanten Ausdrücken gleich zu Beginn zeigt, wohin die Reise gehen soll. Denn wer hat heutzutage etwa noch die Geduld, bis zum letzten Absatz zu warten, um zu erfahren, wie nun eigentlich der Ausgang einer Geschichte oder das Fazit der*s Autors*in lautet?

Wer sich an dieser Stelle nicht schon längst anderen, mehr Spannung versprechenden Angelegenheiten zugewandt hat, wird schnell bemerken: Dieser Trend kommt eindeutig Zeitschriften mit weithin erkennbaren Schlagzeilen entgegen, Werbeplakaten und Info-Flyern – doch für ausführliche Literaturkritik bleibt da kaum mehr Platz. In so manchen Zeitungen wurde zudem der Kulturteil gekürzt, womit man sich lediglich dem Bedürfnis der Leserschaft anpasste, da sich diese im Durchschnitt nur sehr kurz bei Rezensionen literarischer Neuerscheinungen aufhält. Somit bleiben nur zwei Möglichkeiten: Um den Ansprüchen der Gegenwart zu genügen, muss sie sich entweder an diesen orientieren, oder ein langfristiges Bestehen wird nicht möglich sein. Das besagen zumindest die Regeln der modernen Marktwirtschaft, der mittlerweile doch irgendwie alles unterworfen ist, was kommerziellen Erfolg oder auch nur so etwas wie gesteigertes Interesse beim Zielpublikum erreichen möchte.

Wie hat man sich also eine Literaturkritik vorzustellen, die auch noch in zwanzig Jahren gefragt ist und gern gelesen wird? Auf jeden Fall müsste sie sich in einigen wichtigen Punkten verändern, damit nun endlich auch dieses Genre die Schlagworte zukunftsorientierten Denkens kennenlernt: Effizienz, Flexibilität und Innovation.

Ein keineswegs zu vernachlässigender Punkt ist dabei die Länge einschlägiger Texte. Hatte man früher durchaus noch Zeit und Muße, auch den detailliertesten, blumigen Ausführungen eloquenter LeserkollegInnen zu folgen, gestaltet sich ein derartiges Unterfangen heute schon wesentlich schwieriger. Was könnte nicht alles unbemerkt an einem vorübergehen, während man selbst in wortgewaltige Ausführungen über den Inhalt dicker Wälzern vertieft ist? Viel praktischer ist es doch, die Informationen zu einem Buch nur überfliegen zu müssen, um sich ein Bild davon zu machen, was in dem Werk nun wirklich von Bedeutung ist. Im Allgemeinen dient die Lektüre von Literatur ohnehin vorrangig der Selbstdarstellung und der Vorgabe von Bildung, die in Wirklichkeit womöglich etwas dürftiger ausfiel, als man es gern hätte. Ein wirksames Mittel, dem entgegenzuwirken, ist die sehr knappe Schilderung von Leseeindrücken fremder Personen, die noch dazu mit möglichst eindeutigen Bewertungen unterstrichen wird. Sich keine eigene Meinung mehr bilden zu müssen. bringt eine enorme Zeitersparnis mit sich. Generell sollte kein Beleuchten verschiedener Denkansätze und Zugangsweisen zum besprochenen Thema soll im Vordergrund stehen – denn das würde nur vom Wesentlichen ablenken – , sondern schlicht und einfach das, was gesagt werden muss. Ohne Punkt und Komma.

Womit wir auch schon beim nächsten Aspekt angelangt wären, der einer erhöhten Beliebtheit der schriftlichen Literarturkritik gegenwärtig noch im Wege steht: Ihre Ausformulierung. Es ist die Anmaßung, selbst auch noch den oft kompliziert angelegten Stil der/s Autors/in weiterführen zu wollen, die zu den umständlichsten Satzkonstruktionen verleitet. Dabei wird die Tatsache, dass der berufstätige, kulturell interessierte Mensch von heute keine überschüssigen Minuten zur Decodierung ellenlange Schachtelsätze übrig hat, mit Füßen getreten. Auf den ersten Blick hermetische Anspielungen, die voraussetzen, dass man sich tatsächlich näher mit dem Buch beschäftigt hat, sowie doppeldeutige Äußerungen stellen ein weiteres Übel dar. Nicht zu vergessen wären außerdem noch Stilmittel wie Ironie, Sarkasmus oder auch Humor – oder gar die Verbindung aller drei, die den Grad der Unverständlichkeit eine weitere Stufe anhebt. Warum sollte man die Dinge nicht genau so ausdrücken, wie sie sind, ohne Inanspruchnahme verwirrender Metaphern und Allegorien?

Schließlich und endlich kann man nicht allen Informationen, die einem tagtäglich begegnen, das gleiche Maß an Beachtung schenken. Was gelesen werden soll, muss ins Auge springen, nicht etwa aus Eigeninitiative im dicht beschriebenen hinteren Teil irgendeiner Zeitung zu suchen sein. Werbeprospekte wünscht sich auch kaum jemand ausdrücklich in seinem Postfach, und dennoch haben sie die Fähigkeit, das Kaufverhalten der Konsument*innen zu verändern. In Anlehnung daran wäre es sicherlich ratsam, Rezensionen nach einem ähnlichen Schema aufzubauen: Möglichst auffällig und farbenfroh sollten sie sein, vielversprechende Schlagworte beinhalten und eher eine Sensation zu viel anzukündigen, als dieselbige zu verschweigen. Somit bliebe die Macht, über die Qualität von Büchern zu entscheiden, nicht nur Literaturkritiker*innen vorbehalten, sondern auch Grafiker*innen und Menschen ähnlicher Professionen könnten sich einbringen.

Wie man an den vorgebrachten Beispielen unschwer erkennen kann, lassen sich Rezensionen durchaus optimieren und dem Zeitgeschmack anpassen. Effizient, flexibel und innovativ. Bis man seinen persönlichen Lieblingsroman irgendwo mit der vielsagenden Beschreibung „fesselnd“ und „hochinteressant“ wiederfindet – und, in seltenen Fällen vielleicht ein kleines bisschen ernüchtert, bei sich denkt: So geht es doch auch.

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