Bahnsteigprobleme

Wenn ich so hin und her überlege und sowohl die in der herbstgekühlten Luft umherfliegenden Eichenblätter betrachte als auch jene allmählich dahinschwindenden auf dem Wandkalender, dann wird es früher oder später Zeit, Schlüsse zu ziehen. Beispielsweise den, dass wir beide uns bald wiedersehen werden, sehr bald, man könnte beinahe schon sagen: morgen. Du, sage ich, dabei soll das hier keine direkte Rede werden, kann es auch gar nicht, denn ich sitze allein in meinem von Lernunterlagen, Skizzen und verworfenen Entwürfen übersäten Zimmer. Wenn ich überhaupt irgendetwas an dich zu richten versuche, handelt es sich dabei um einen inneren Dialog. Auch, wenn mich Deutschlehrer dafür verurteilen und Literaturtheoretiker des Veröffentlichungsrechtes berauben würden: Solche Dinge gibt es.
Das Recht auf ein vertrauensvolles D steht mir nicht zu, doch ein einzelner Gedanke ist frei und unterliegt keinen Konventionen. Ich hefte mich an seine Spuren, verdränge den frische gefallenen Schnee und begebe mich auf die Reise durchs Tal der Möglichkeiten. Dorthin, wo ein ums andere Mal die beharrlich unlösbare Frage lauert und mir ihre Dringlichkeit vor Augen hält.

Angenommen, du würdest auch in dieser Woche deinen durch Arbeit und Freundeskreis erzwungenen Alltagsgewohnheiten folgen und wie gewöhnlich am Bahnsteig stehen (freitags um 18:08, Salzburger Hauptbahnhof, Gleis 4, Zug ankommend aus Richtung Zürich)…
Und angenommen, auch meinen persönlichen Plänen hätten die allgemeinen Tücken des Lebens (wie nicht ins akademische Stundenschema passende da zu gehaltvolle Kurse, oder die in diesen Tagen öfters streikenden öffentlichen Verkehrsmittel) keinen Strich durch die Rechnung gemacht, sodass ich mich ebenfalls zur selben Zeit am selben Ort befinden würde…
Da stellt sich dann schon die Frage, mit der man sich vorzugsweise an wortintensiven Donnerstagen in blutleerem Zustand befasst, nämlich:
Wie soll ich ein Gespräch beginnen?

Der Gruß ist unumstritten und besteht gemeinhin aus einem simplen „Hallo“, so viel sei sicher. Wird er vom Gegenüber erwidert, verkompliziert sich die Sache allerdings von einer Sekunde auf die andere ums Hundertfache. Denn nun gilt es wiederum, Eigeninitiative zu zeigen! Zu beweisen, dass es eigentlich und im Grunde genommen ganz und gar nicht zum persönlich bevorzugten Verhaltensmuster zählt, sich wie beim letzten Mal einen verlegenen Starr- und Zwinkerwettbewerb zu liefern. Der war übrigens ziemlich einseitig, da sonst nur noch von einem um Aufmerksamkeit heischenden Pudel wahrgenommen.
Nein, diesmal wird alles anders. Nur, mit welcher Floskel beginnt, was erst eine Stunde später in Linz wieder aufhören soll? Und das möglichst auch noch mit der Ausbeute glücksbringender Zahlen auf dem digitalen Notizblock?

Für Smalltalk wunderbar geeignet und immer wieder ein Thema, das zum kollektiven Seufzen einlädt, kann es auch hier nicht fehl am Platze sein: Das Wetter. Und es ist doch einfach herzerwärmend, an einem Abend Mitte November von einer freundlich lächelnden Person an die wertvolle Information erinnert zu werden: „Heute ist es aber kalt.“
Oder etwa nicht?
Gut, unter Umständen wirkt eine solche Bemerkung doch etwas gekünstelt und vermittelt unter Umständen ein unterschwelliges: „Ich würde wirklich gern mit dir sprechen, die nächsten paar Minuten mit dir verbringen oder vielleicht gleich mein ganzes Leben, intimen Gedankenaustausch betreiben, mein Innerstes nach außen kehren und dir die größten Geheimnisse anvertrauen… Nur habe ich nicht den blassesten Schimmer, wie ich anfangen sollte.“ Und einmal ganz ehrlich, was würde ich selbst auf einen derartigen Kommentar antworten? „Ja. Das stimmt.“ Mehr aber auch nicht. Dabei wird mir im Allgemeinen nicht enden wollende Kreativität nachgesagt.

Nächster Versuch.
Wenn du mit dem Zug fährst, bedeutet das auch, dass du irgendwann auch wieder irgendwo aussteigen musst. An welchem Ort das sein wird, weiß ich nun leider schon, und dich trotzdem und nur um der Worte willen danach zu fragen, würde mich wohl nicht in allzu gutem Licht erscheinen lassen. Allerdings dürfte jener erlesene Ort, an dem du anzukommen gedenkst, für dich auch eine tiefere Bedeutung bereithalten – und nach der könnte ich mich durchaus erkundigen.
Nur… Wohin fährt man am Freitagabend nach einer langen, arbeitsamen Woche für gewöhnlich?? Möglicherweise weder zur Zahnärztin noch zum Dachdecker, sondern schlicht und einfach nach Hause?
Und überhaupt, für wen halte ich mich eigentlich, um etwas derart Persönliches wie deine Wohnverhältnisse anzusprechen? Was soll ich tun, wenn ich eine unmissverständliche Abfuhr erhalte und damit nur eine nun auch hörbare Version meiner ohnehin schon quälenden Zweifel? So eine Antwort würde jegliche zukünftigen Annäherungsversuche zunichtemachen und mich somit in tiefste Verzweiflung treiben.

Da greife ich dann doch noch lieber zur intellektuellen Variante. Ein aktuelles, tagespolitisches Thema mit sozioökonomischen Hintergrund und von internationaler Relevanz macht sicher jederzeit Eindruck! Der winzig kleine Haken an der Sache: Ich habe keine Ahnung, wie ich ein solches auftreiben und es dir im Anschluss zudem noch auf verständliche Weise unterbreiten sollte. Denn die Kommunikation meiner Nervenbahnen neigt mitunter zu komplikationsreichen Unterbrechungen – womit wir wieder beim Zugfahren wären. Zur Aufrechterhaltung meiner Würde sei hinzugefügt, dass das bevorzugt an Freitagabenden auf Bahnsteigen vorkommt.

Ach ja, und um die Sachlage ein für alle Mal in den Bereich der unüberbrückbaren Schwierigkeiten zu verfrachten: Soll ich Dialekt sprechen oder sogenanntes Standarddeutsch? Würde Ersteres von Ungebildetheit zeugen oder Zweiteres von übertriebener Korrekt-, ja vielleicht sogar Steifheit? Nur für den wenig wahrscheinlichen Fall, dass mit tatsächlich irgendeine mehr oder weniger geistreiche Wortmeldung über die Lippen kommt: Damit würden die Probleme dann erst so richtig beginnen. Die Kompromisslösung wäre eine Mischung aus beiden Varianten, eine sogenannte Umgangssprache, allerdings – ist mir der Klang derselben so unangenehm, dass ich mich selbst kaum mitanhören kann. Rede ich so, wie man es in meiner Heimat macht (oder zumindest in einer durch Umrisse skizzierten Konstruktion dieses ideellen Gedankenortes), laufe ich Gefahr, nicht verstanden und durch ein unwilliges „Was?!“ auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt zu werden. Tue ich es nicht, vermittle ich in mit Aufregung verbundenen Situationen häufig den Eindruck, aus dem Norden Deutschlands zu stammen… Und wer weiß, ob du auch eine dieser Personen bist, die mit diesem Tonfall ungerechtfertigte Vorurteile wie etwa Arroganz verbinden? Ich könnte natürlich auch erklären, dass das nur meine Nerven sind, aber unsere Konversation mit den Worten „Hallo, ich bin nicht aus Deutschland“ einzuleiten, erscheint mir etwas unangemessen.

Und was – daran habe ich noch gar nicht gedacht! – , wenn ich mich verspreche, nicht bloß ein bisschen, sondern einen völlig anderen Begriff verwende als den eigentlich Gemeinten, aber dennoch einen, der unangenehmerweise sogar Sinn ergibt? Und zwar in solcher Weise, dass er plötzlich viel deutlicher meine tatsächliche Verfassung widerspiegelt als alle vorherigen, von mir benutzten – den ich aber aus ebendiesem Grund aus meinem Wortschatz zu verbannen versucht habe?! Ja, was dann? Was um Himmels Willen soll ich tun, wenn sich im entscheidenden Moment kein Loch im Boden auftut und mich verschlingt?

Ein weiterer, letzter, endgültig allen Grund zur Besorgnis gebender Aspekt: Die technischen Details. Bisherige Erfahrungen haben mir gezeigt, dass meine Logik irgendwie ihren Halt verliert, sobald jemand wie du in meinem Blickfeld erscheinst. Was wiederum folgenschwere Auswirkungen auf Orientierungs- und Gleichgewichtssinn nach sich zieht. Stellen wir uns vor, ich erkenne dich genau in dem Augenblick, in dem der Zug einfährt: Wie viel Ungeschick braucht es da wohl noch, um einen falschen Schritt zu tun und auf die Gleise hinabzustürzen? Oder aber gegen eine Tafel mit dem Fahrplanaushang zu laufen, was zwar bei weitem nicht so verheerende Folgen mit sich bringt, mir aber dennoch jeden weiteren Blick in deine Richtung unmöglich machen würde?! Ja, mein Vorhaben kann mitunter sogar lebensgefährlich sein, daran hätte ich anfangs nicht im Traum gedacht. Auf welche Abgründe man doch stößt, wenn man sich mit den Dingen einmal genauer auseinandersetzt..

Angesichts dessen ist es wohl doch besser, gar nichts zu unternehmen.
Oder vielleicht sollte ich mich lieber gleich verstecken, um all diesen hypothetischen Malheurs zu entgehen. Denn ich weiß ja, dass du da bist, wie all die Freitagabende zuvor, und habe auch ganz schön Angst davor, dass du es irgendwann nicht mehr sein wirst.
Allerdings: Wo genau könnte ich das machen? Unter den Stahlsesseln ist so entsetzlich wenig Platz, aber nun ja, eine strikte Diät würde mir sicher über dieses Problem hinweghelfen, nur bleiben mir dazu nur noch lächerliche 19 Stunden, in denen ich eigentlich noch drei schriftliche Arbeiten verfassen muss und somit nicht gleichzeitig fasten und unaufhörlich um die Siedlung rennen kann, und außerdem…

[Satire] Für Wortklauber und Innen

Binnen-I

Binnen weniger Wochen hat sich ein Thema in die mediale Berichterstattung eingeschlichen, das in einigermaßen gebildeten Kreisen für Schrecken und Entsetzen sorgt: Das Binnen-I. Es kann niemanden kaltlassen – zumindest kein weibliches Wesen. Immerhin geht es dabei um nichts Geringeres als um die Wahrnehmung der Existenz von Frauen in Kultur, Politik und Gesellschaft, die akut gefährdet ist. Soziologen gehen davon aus, dass bis 2020 in der Öffentlichkeit keine Rede mehr von ihnen sein wird, da die Sprache unweigerlich den Zeitgeist widerspiegelt.

Alles begann – wie sollte es anders auch sein – eigentlich ganz harmlos. Nämlich beim ersten österreichischen Formel-1-Rennen seit Menschengedenken (bzw. 1987) in Spielberg, wo der allseits beliebte volksdümmliche (entschuldigen Sie den Schreibfehler, natürlich -tümliche!) Sänger Andreas Gabalier von sich reden machte. Und das anhand eines Geniestreichs: Er bediente sich schlicht und einfach des urtypischsten österreichischen Prinzips, das man sich denken kann. „Es woa scho immer so und wird ah immer so bleiben“, sagte er sich und ging das halsbrecherische Wagnis ein, die Bundeshymne ohne die 2011 unter größten lyrischen Mühen dazugedichteten „Töchter“ zu singen. Natürlich blieb diese Heldentat nicht ohne Folgen, denn eine derartige Beleidigung des Vaterlandes sahen sämtliche Amts- und Würdenträger als schlicht und einfach nicht vertretbar an! Irgendwie dürfte der Steirer das ganze Aufsehen und die Schlagzeilen in den Zeitungen aber auch ganz angenehm gefunden haben, war sein Name doch plötzlich wieder in aller Munde. Und vielleicht begannen nun auch noch einige bisher ignorante Musikliebhaber, den Kauf einer seiner CDs in Betracht zu ziehen…

Natürlich ist es sein gutes Recht, die Worte, die er als Achtjähriger in der Volksschule lernte, seitdem nicht mehr zu hinterfragen. Schon allein, weil er Österreicher ist. In dem Alter wurde mir übrigens auch erzählt, dass die deutsche Grammatik aus Namen-, Eigenschafts- und Tunwörtern besteht – und mit diesem Wissen bin ich auch lange Zeit durchgekommen. (Zumindest bis zum ersten Irrelevanzkonditionalsatz meines Germanistik-Studiums.) Warum nur diese ständige Bevormundung durch ultraliberale Menschen, die keine Ahnung mehr von Bodenständigkeit und Heimatverbundenheit haben? Heutzutage besitzen Sympathieträger Bart und langes Haar anstelle von urigen Lederhosen, was uns noch dazu auf Anhieb einen Sieg beim Songcontest beschert. Wer wünscht sich schon so etwas?

Doch kommen wir nun auf den eigentlichen sozialen Brennpunkt zu sprechen, auf das Kernthema jeder aktuellen Diskussion von weltweiter Bedeutsamkeit. Gabaliers waghalsiger Vorstoß ins Herz der österreichischen Seele inspirierte nämlich auch noch ganz anders anzusiedelnde Persönlichkeiten zu einem Manifest politischer Unkorrektheit. Diesmal ging es jedoch nicht um unsere vielbegnadigten Töchtersöhne, nein, ein anderes Zeichen weiblicher Wertschätzung musste dran glauben: Das Binnen-I. Höchstwahrscheinlich von bewusstseinserweiternden Mitteln berauscht, deren Legalisierung derzeit immer häufiger diskutiert wird, verfassten namhafte Österreicher ein Schreiben, das in Wahrheit nur einer Bezeichnung gerecht wird: Es handelt sich hierbei um eine unerträgliche Selbstverleugnung aller unterzeichnenden Frauen. Das Binnen-I, dieser wundervolle Grund zur Negativbeurteilung inhaltlich nicht mit der Meinung des LV-Leiters kompatibler Seminararbeiten, soll die amtlichen Gesetzbücher verlassen!

Ja, es ist eine unverschämte Forderung, die jede/n unbescholtene/n BürgerIn sowie alle Mütter, Väter, Töchter, Söhne, EnkelInnen, Nichten, Neffen, Cousins/en, Großmütter, Großväter, UrenkelInnen, Tanten, Onkel, Großcousins/en und die restliche Verwandtschaft in Schrecken versetzte. Man stelle sich dieses Szenario nur einmal vor: Gendern wäre plötzlich Schnee von gestern, wissenschaftliche Arbeiten und öffentliche Texte müssten daher nicht mehr einer pedantischen Überprüfung auf geschlechterneutrale Schreibung unterzogen werden. Frauen würde ihre Existenz nur mehr in dem einen Wort am Anfang dieses Satzes zugestanden werden. Ansonsten würden sie allmählich in Vergessenheit geraten – denn wer könnte sich noch daran erinnern, dass es einmal so etwas wie Gleichstellung und Gerechtigkeit gab?! Bei der Verteilung der Löhne würde sich auch nicht viel ändern, aber das ist ohnehin nichts Neues und im Vergleich zum immensen sprachlichen Problem schon immer nur ein unbedeutendes Nebenthema gewesen. Was zählt, ist doch die Wirkung nach außen, der Anschein von Fairness, der sich theoretisch auch in einer den Fähigkeiten entsprechenden Bezahlung äußern könnte. Rein hypothetisch natürlich. Denn welcher Chef schätzt es nicht, sich hinter geschlechterneutralen Formulierungen verstecken und dabei einen Teil seines kostbaren Vermögens einsparen zu können?

Doch ich, selbst wohl irgendwann einmal von diesem naturgegebenen Gleichgewicht betroffen, verspreche hiermit hoch und heilig: In Sachen Binnen-I werden wir bis zum Äußersten gehen, um nicht einfach sang- und klanglos aus der Alltagssprache und somit von der Bildfläche zu verschwinden! Wir wissen uns zu wehren, wenn die Regierung mit infamen Mitteln gegen die Durchsetzung  der ureigensten feministischen Forderungen mobil macht!
An dieser Stelle möchte ich außerdem offiziell für die Abschaffung des Französischen plädieren. In dieser frauenfeindlichen Sprache ist es nämlich gang und gäbe, das weibliche Personalpronomen in der 3. Person Mehrzahl, also „elles“, durch ein männliches – „ils“ zu ersetzen, sobald sich auch nur ein einziger Mann inmitten von hunderten weiblicher Wesen befindet. Das ist nach heutigen Maßstäben unzumutbar und sollte in nächster Zeit hoffentlich zur Verhaftung der führenden romanistischen Sprachwissenschaftler führen. Europa muss ein starkes Zeichen setzen, um Andersdenkenden klar zu signalisieren, dass derartige linguistische Diskriminierungen hier nichts mehr zu suchen haben!

Zum Schluss noch ein Denkanstoß zur ausgiebigen kontemplativen Betrachtung der gegenwärtigen Situation: Wenn derartige Problematiken ausgerechnet im Rahmen eines (mangels menschenfressendem Wels und Kärntner Brückengeist noch nicht gestopften) Sommerlochs auftreten – kann man das eigentlich noch Zufall nennen?
Dass dieser Blogbeitrag mit dem Wort „Binnen“ beginnt, ist jedenfalls keiner.

CMK