Der Tag der Vollendung. Ein Fragment

max frisch

Um 7.38 Uhr reißt mich ein ohrenbetäubender, langgezogener Schrei aus dem Schlaf. Ich, bis dahin im Traum von bedrohlichen Verfolgern, unaufschiebbaren Gruppenarbeiten und furchteinflößenden Prüfungsszenarien umringt, werde schlagartig wieder ins Hier und Jetzt zurückgeholt, sprich: In dieses triste, graue Studentenleben am 13. November 2017, der noch dazu ein Montag sein muss. Und im Zimmer direkt neben mir vollzieht sich zu allem Überfluss auch noch eine Beziehungstragödie.
„Das Messer – nein, so gib es mir doch – Alexander – was willst du damit?!“
„Du weißt genau, was du getan hast. Ich habe euch zusammen gesehen, in der kleinen Kneipe ums Eck – nicht mal so viel Anstand hattet ihr, es wenigstens im Geheimen zu treiben!“ 
„Aber Schatz, das war doch nur ein Spaß, wir sind Kollegen, was ist denn in dich gefahren?“
Der männliche Part scheint das völlig anders zu sehen. Zuerst ist verhaltenes Knurren zu hören, dann eine ganze Reihe an Vorhaltungen, wann, wo und unter welchen Umständen er seinem Kontrahenten bereits im Vorfeld auf die Schliche gekommen sei. Das Ganze gipfelt in einem fuchsteufelswilden, gepresst hervorgebrachten, dem Vernehmen nach von wahnsinnigem Zähnefletschen begleitetem: „ICH MACH DICH FERTIG!“
Schließlich noch ein Schrei, begleitet vom Brüllen einer tiefen Stimme, schluchzendes Wimmern und ein paar Schläge – dann ist es wieder still.
Ich atme auf und blinzle die letzten Nebelschleier aus meinen Augen, wobei mein Blick auch schon  am leider allzu vollen Wandkalender hängen bleibt. Für gestern stand sowohl eine äußerst umfangreiche Literaturgeschichteprüfung als auch marathonähnliches Schreiben an meiner Abschlussarbeit auf dem Programm; an der Erstellung von aussagekräftigen, gestapelten 3D-Säulendiagrammen war ich bis halb vier gesessen. (Nachts natürlich.) Kein Wunder, dass mir das Aufstehen jetzt so schwer fiel und es mein Handywecker, der bereits vor 8 Minuten geläutet hatte, nicht bis in die Tiefen meines erschöpften Traumbewusstseins geschafft hatte. Aber es half alles nichts – ich musste aufstehen und erst mal meine Wohnung von den unzähligen darin verstreuten Notizzetteln befreien, bevor es zur Uni ging. Als ich gerade die beinahe vergessene Pflicht einer Texteinsendung für die studentische Lesung am 28. in den Kalender eintragen will, beginnt das Drama im Nebenzimmer aufs Neue. „Oh Liebster, gibt mir das Messer, ich flehe dich an…!“
Warum sollte ich mir zur Unterhaltung einen Fernseher anschaffen, solange das halbe Wohnheim von Schauspielstudenten des Mozarteums bevölkert ist? 

Um Punkt acht – ich habe gerade erst so richtig realisiert, dass ich noch keine Ahnung habe, worüber ich in diesem von einer Bekannten erbetenen Text eigentlich schreiben sollte – klingelt mein zuvor völlig übersehenes Handy. In Erwartung meiner Freundin Mira heben sich meine Mundwinkel zum ersten Mal an diesem Morgen, und ich sehe zu, dass ich ihr gleich mal zuvorkomme: „Na, ist es doch noch was geworden mit dem lieben Nachbarn? Ich hab doch gewusst, dass da was geht, so wie der dir immer wieder Blicke zugeworfen hat! Und, wie war’s?“
Es ist meine Mutter. „WIE BITTE?!?“ 
(Wir haben einen Nachbarn.)
„Nichts, nichts. Das gerade war nur noch der restliche Text für das aktuelle Stück meiner Theatergruppe. Du weißt ja, die Aufführung ist übermorgen. Also quasi. Ich bin leider nicht mehr mit dem Proben fertiggeworden, bevor ich abgehoben hab…“ 
Sie unterbricht mich. „Wie sieht’s aus? Hast du ihn?!“
„Wen? Den… Nachbarn?“ 
In der Wohnung über mir schaltet jemand das Radio ein. „Alle hab’n nen Job! Ich hab Langeweile!“
Meine Mutter stößt einen tiefen Seufzer aus. „Haha, sehr witzig. Was ist denn bei dir überhaupt los? Wieder mal zu viel gefeiert letzte Nacht?“ 
„Was?? Nein, wieso? Ich war nach der Prüfung gestern völlig erschöpft, jetzt bin ich eben aufgewacht und mach mich fertig für die Uni.“
„Ahahaha, ja, genau das kannst du deiner Großmutter erzählen!“ Vergeblich versuche ich, das Handy von jeglichen Außengeräuschen zu isolieren. Derweil geht es oben auf Ö3 munter weiter: „Keiner hat mehr Bock auf Kiffen, Saufen, Feiern!“
„Mama, das ist nur ein Radio. Nicht mal meines. Ich bin im Studentenheim, das weißt du doch…“
„Ach ja, genau, deine Ausreden waren auch schon mal besser. Also wenn du so weitermachst, wirst du nie mit deinem Studium fertig! Arbeitslos wirst du, wenn du’s genau hören willst! Ob du den Bachelor schon hast, wollte ich wissen – aber die Frage hat sich ja wohl erübrigt. Ha, liegst wahrscheinlich in irgendeiner fremden Wohnung am Boden und wartest, bist du wieder nüchtern genug bist, um gerade zu stehen. Na, ein schönes Studentenleben hast du. Wenn ich das nur geahnt hätte, damals, als ich dir meine finanzielle Unterstützung zugesagt – “
Geistesgegenwärtig habe ich sie weggedrückt, bevor meine Zukunftsaussichten als taxifahrender Drogendealer mit Immatrikulationshintergrund noch konkretere Formen annehmen.

Aber einen Vorteil hatte das Telefonat gerade tatsächlich: Es hat mich daran erinnert, dass heute der Tag aller Tage ist. Jenes Datum, an dem ich, nach langer und schwerer Geburt von Forschungsthese, inhaltlicher Ausarbeitung, Bibliographie und nicht zuletzt Titelblatt, endlich meine zweite Bachelorarbeit fertigstellen werde. Und damit, nachdem das gestern die letzte Prüfung meines Studiums war und alle anderen Arbeiten bereits beurteilt sind, den letzten Schritt auf meinem Weg zum akademischen Titel tun. Oh ja, dies wird der Tag aller Tage! Das Licht am Horizont wird immer heller, die Ausgangstür aus der titellosen Unmündigkeit ist bereits zum Greifen nahe.
Voll Elan packe ich daher meinen Rucksack für die Uni, wo ich mich ehestmöglich an irgendeinen einsamen, menschenverlassenen Platz in eremitenfreundlichem Umfeld begeben und das Ding ein für alle Mal fertigschreiben werde.
[An dieser Stelle geschieht etwas Unerhörtes, Unbeschreibliches, absolut Abstruses, das allerdings so viele Worte benötigen würde, dass man noch nach einigen Stunden noch nicht mit dem Lesen dieses Blogeintrag fertig wäre, stattdessen aber urplötzlich mit all seinen Aufgaben, weil man inzwischen angesichts all der dadurch versäumten Aufgaben fristlos gekündigt wurde. Daher sei diese völlig sinnbefreite Begebenheit aus Rücksicht auf alle Beteiligten erst einmal verschwiegen und möge unter Umständen im Zuge einer virtuellen Fortsetzung zum Besten gegeben werden.]
Auf dem Weg zum nachmittäglichen Seminar, den ich mit einem großen Becher Kaffee antrete, schlägt mir plötzlich jemand von hinten auf die Schulter. Nachdem man in übernächtigtem Zustand zu leichten Extremen in der Handlungsweise neigt, entfährt mir erst mal ein kurzer Ausruf des Erschreckens, bevor ich registriere, um wen es sich bei dem vermeintlich Unbekannten handelt.

„Oh, hallo, Michael! Ich hatte vorher gar nicht mehr Zeit, dir zurückzuschreiben… Hast du jetzt auch einen Kurs?“
Hat mein Gegenüber in Anbetracht der fünf Bücher unter seinem Arm ganz offensichtlich, und es noch dazu auch ganz schön eilig. Mit einem heftigen Ruck entreißt er mir meinen Kaffeebecher. 
„Wow, du denkst wirklich an alles! Das wär‘ nun wirklich nicht nötig gewesen! Aber dankee – und bis demnächst, ich muss weiter!“
Und schon sind sowohl Michael als auch mein Lebenselixier um die Ecke verschwunden. Der Aufstieg ins höchste Obergeschoß weist mit einem Mal Ähnlichkeiten zu einer Besteigung des Gaisbergs auf, doch irgendwie schaffe ich es schließlich doch bis aufs Dach. Dunkel erinnere ich mich daran, dass mich mein Freund in seiner letzten Nachricht tatsächlich scherzhaft darum gebeten hatte, ihm einen Kaffee zu bringen.

Als ich endlich wieder einigermaßen zur Ruhe gekommen bin, ist es ausgerechnet ein Stuhl mit Klapppult, auf den ich mich erschöpft fallen lasse. Der nächste Kurs hat nämlich schon wieder begonnen, und ich gebe mir alle Mühe, trotz des fehlenden Kaffees mit letzter Kraft meine Augen offenzuhalten. Das Thema der Einheit ist wirklich sehr interessant, es geht um Exilliteratur und sprachliche Heimaten, und auch das dazugehörige Referat widersetzt sich meinem zuvor noch so dringenden Schlafbedürfnis. Während dessen nachfolgender, allgemeiner Diskussion höre ich allerdings mein Handy mehrmals vibrieren, was doch auf eine einigermaßen ernstzunehmende Nachricht von der Außenwelt schließen lässt – falls der Kollege vor mir nicht etwa aus Diskretionsgründen schriftlich mitteilen lässt, dass ihm die Handouts ausgegangen sind. Aus Neugier und rückblickend auch enormem Leichtsinn öffne ich daher leise die Seitentasche meines Rucksacks und sehe nach, wer da so eifrig per WhatsApp um meine Aufmerksamkeit ringt.
Es ist eine neue Nachricht von meiner Cousine. Sie, ihres Zeichens designierte Geschäftsführerin der städtischen Professional Law Consulting GesmbH CoKg, der erfolgreichsten Anwaltskanzlei im nationalen Ranking, schreibt mir: „Sorry, wenn ich störe, aber könntest du mich am Nachmittag mal besuchen? Ich glaub, mein Computer ist explodiert.“
In Windeseile drücke ich die Sperrtaste, lasse das Handy schnell wieder in meinen Rucksack gleiten und rücke meinen Stuhl zurecht. Ich zupfe an meinem T-Shirt, räuspere mich gedämpft und verschränke abrupt die Arme. Und doch ist es nicht mehr zu leugnen: In meinen Wangenmuskeln breitet sich ein gefährliches Zittern aus. Schon merke ich, wie meine Mundwinkel unkontrollierbar zucken, ein paar Millimeter nur, doch die Veränderung lässt sich nicht von der Hand weisen. Entschlossen revidiere ich meine Sitzposition, schlage die Beine übereinander und beginne an meinen Fingern zu ziehen. 
Diese Nachricht ist natürlich überhaupt nicht witzig – möglicherweise steht meine Cousine vor einer Katastrophe und ich bin die einzige Person, die sie davor bewahren kann, weil sie es wieder mal aus falschem Stolz nicht übers Herz bringt, einen technisch versierteren Kollegen um Hilfe zu bitten. Möglicherweise. Aber vielleicht hat sie auch  wieder mal bloß den falschen Stecker gezogen.
Allein die Vorstellung, wie sie letztes Mal fieberhaft nach der Garantie des Geräts suchte, weil sie den Regler für die Bilschirmhelligkeit aus Versehen einmal zu viel betätigt hatte und das Desktop daher schwarz blieb… Nein, bitte nicht. Beinahe wäre mir ein kieksendes Geräusch entkommen, doch ich reiße geistesgegenwärtig den Arm in die Höhe und wandle das Ganze in ausgedehntes Gähnen um. Vielleicht etwas zum Missfallen der Kursleiterin, doch immerhin ist nichts Schlimmeres passiert. Aber dann muss diese, als könnte sie meine mir unangenehmen Gedanken lesen, auch noch damit anfangen: „In der Literatur des 19. Jahrhunderts waren schnelle, ruckartige Ereignisse ja Metaphern für all diese unvorhersehbaren Neuerungen, vor denen man sich fürchtete. Man misstraute der modernen Technik.“ Ich breche in krampfhaften Husten aus. Der klingt vielleicht etwas merkwürdig, aber niemand fühlt sich weiters gestört. Bis sie weiter fortfährt:„… Beispielsweise: Naturkatastrophen. Gewitter, Erdbeben… Oder eben irgendwelche Explosionen.“ 
Es geht einfach nicht mehr. Mein Mund öffnet sich wie von selbst, die Atmung wird unkontrollierbar tief und ruckartig, glucksende Laute bahnen sich ihren Weg an die Oberfläche und schließlich endet alles in einem ungewollt lauten, schwer überhörbaren, markerschütternden: „HAAAAAA! Ahahahahahaaa! Hiiiiihooooohuuuuu!!“ 
Sofort schlage ich mir die Hand vor den Mund, doch das ändert auch nichts mehr daran, dass mich 25 Augenpaare (Notiz für den Brandschutz: natürlich ist der Kurs nicht überfüllt!) entgeistert anstarren. Einschließlich der Kursleiterin, die meinen Kommentar zu ihren Ausführungen wohl eher weniger diskussionswürdig findet.
„Wie ich sehe, amüsieren Sie sich hier ja prächtig, während Ihre Kollegen sich mit dem Phänomen der Auswanderung in der Literatur beschäftigen? Könnten Sie uns wenigstens verraten, was Sie an den Ängsten der Menschen im 19. Jh. so lustig finden?“
Ernsthaft bestürzt (und noch immer mit dem sonderbaren Klang meines Gelächters im Ohr) ringe ich um eine Erklärung. „Ich… ich… Das war bloß der Wortwitz.“
Da beginnt mein Telefon gleich noch heftiger zu vibrieren, und ich trete zur Vorsicht gleich die Flucht aus dem Seminarraum an. Dass mein Klapppult das nicht mehr mitmacht und durch frühzeitige Materialermüdung direkt vor die Füße der Dozentin geschleudert wird, betrachte ich nur noch als dezenten Hinweis, dass das heute wirklich nicht gerade mein Tag ist.

Während ich noch überlege, ob ich mich überhaupt jemals wieder in diesem Kurs blicken lassen sollte, hebe ich verwundert ab. „Charlotte, was ist denn?“ Meine Tante hat sich eigentlich schon seit ihrem Geburtstag im Juni nicht mehr gemeldet.
„Ach, wir machen uns ja bloß Sorgen um dich! Deine Mutter war gerade bei mir, sie hat mir erzählt, wie schwer du dir im Studium tust und wie du gerade dabei bist, ins Drogenmilieu abzugleiten! Ich wollte es ihr ja lange Zeit verschweigen, aber irgendwie hab ich das schon kommen gesehen. Du hättest einfach von Anfang an eine Lehre machen sollen, das würde viel besser zu dir passen! Ich hab ja schon bei der Matura gemerkt, dass das nix für dich ist, diese ständige Lernerei, du hast ja fast schon durchgedreht damals!  Manchmal muss man halt einfach erkennen, dass der Weg, den man eingeschlagen hat, einen nicht weiterbringt. Und tu doch nicht so, als müsstest du immer noch wem was beweisen! Ist doch ganz normal, dass in einer Familie nicht alle den gleichen IQ haben können. Die Cousine erfolgreiche Anwältin, der Bruder Geschäftsführer einer international agierenden Handelsfirma – wir können ja eh auch noch wen Bodenständigen gebrauchen, einen, der fürs Praktische und Simple geeignet ist!“
„Aber, Charlotte, meine Mutter hat mich gar nicht ausreden lassen. Ich bin doch sogar schon am Ende -„
„Tja, das dachte ich mir. Natürlich bist du am Ende deiner geistigen und körperlichen Kräfte, den Anstrengungen einfach nicht gewachsen, durch die ständigen Rauschmittel allmählich von innen ausgezehrt…“
Ich fasse es einfach nicht. „Liebe Tante, mir geht es sehr gut. Ihr müsst mich nicht ständig anrufen, ich komme schon allein zurecht und bin gerade dabei, den Schluss meiner – „
„Nein! Tu es nicht! Du hast noch fast dein ganzes Leben vor dir! Du kannst dich jederzeit jemandem anvertrauen, wenn es dir schlechtgeht, aber ich bitte dich, halte durch!!“
„Charlotte, ich bin fast fertig!! Verstehst du? Fast fertig!! Mit der Bachelor-„
„Ja, das ist mir schon klar, dass du mit den Nerven am Ende bist. Bei diesem Milieu – deine Mutter hat mir schon Schreckliches erzählt. Ich will gar nicht wissen, womit du deine Nächte verbringst…“
„MIT MEINER BACHELORARBEIT!! KEINE DROGEN!! ICH DEALE UND NEHME NICHTS UND MUSS AUCH NICHT AUF ENTZUG!! „
Da biegt schon wieder meine Kursleiterin um die Ecke, und ich bemühe mich, den innerhalb der letzten Viertelstunde möglicherweise entstandenen falschen Eindruck durch interessierte Blicke in eines unserer besprochenen Werke wettzumachen.

Nun will ich mich aber wirklich in die Bibliothek begeben, zu irgendeinem ruhigen, idyllischen, kunstlichtbestrahlten Platz, an dem mir weder äußere noch innere Unruhe etwas anhaben können und ich mein Meisterwerk endlich zu einem Ende bringe, das es verdient hat. Daher würde ich das Gespräch mit meinem inzwischen nachgekommenen Sitznachbarn aus dem Seminar ab, indem ich einfach nicht mehr antworte und hektisch auf die Uhr deute, die meinem persönlichen Zeitgefühl schon wieder viel zu weit voraus ist. Zum Glück versteht er mich auch ohne Worte und räumt das Feld in Windeseile, wobei er mir die Durchgangstür vor der Nase zuknallt.
Allein draußen am Flur angekommen, traue ich plötzlich meinen Augen kaum. Man muss wissen, es gibt nicht vieles, das mich nach einem dreijährigen Germanistikstudium noch aus dem Konzept bringt – solange es nichts mit Anglistik zu tun hat. Genauer gesagt mit einer Studentin eben dieses Fachs, deren rostroten Haarschopf ich gerade beim Kaffeeautomaten erkannt zu haben glaube. Wir haben uns schon ewig nicht mehr gesehen, genauer gesagt seit letztem Freitagmorgen, als wir uns am Bahnhof über den Weg liefen und dann auch noch sage und schreibe vier Stunden lang gemeinsam von Salzburg nach Innsbruck gefahren sind, weil es wegen des Wintereinbruchs zu ständigen Betriebsstörungen kam. Herrlich! Dieses Erlebnis hatte mich dann irgendwie auch so nachhaltig geprägt, dass ich das ganze Wochenende außer Standes gewesen war, auch nur ein einziges Wort an meiner BA-Arbeit weiterzuschreiben. Bzw. war das im Hinblick auf die Qualität der Studie wohl auch besser so. 
Und jetzt fühle ich mich schon wieder leicht benebelt. Was, wenn sie nicht… und überhaupt… ich weiß ja gar nicht… Aber wir haben uns doch auch schon 4h lang ununterbrochen unterhalten, und außerdem wollten wir uns ja auch mal für den Weihnachtsmarkt verabreden – Grund genug, sie noch mal anzusprechen. Zielstrebig gehe ich also auf den Automaten zu, versuche, nicht allzu glückselig zu grinsen, lege mir sorgfältig einen ersten Satz zurecht – und stehe allein vor der Maschine. Weit und breit ist von Nora nichts mehr zu sehen! Doch halt, hat sich da drüben nicht gerade eine Tür bewegt? Oh ja, sie muss in den Archivraum gegangen sein. Der Teil des Gebäudes gehört ja zur Anglistik, also nur logisch, dass Nora da drinnen etwas sucht. So eile ich ihr hinterher, hinein in einen erstaunlicherweise dunklen Raum – aber genau deshalb hatte sie die Tür wohl auch offengelassen. Während ich noch immer nach dem Lichtschalter suche, fällt sie bezeichnenderweise hinter mir ins Schloss.
„Nora, wo ist denn…“ Noch bevor ich fertiggeredet habe, wird mir klar, dass hier drinnen außer vielen Büchern nichts ist. Keine Nora, und nun eben auch kein Licht mehr. Um dieses Manko zu beheben, drücke ich die Türklinke wieder herunter – doch es bewegt sich nichts mehr. Nach einigen weiteren, ebenso erfolglosen Versuchen muss ich den Tatsachen in die stockfinsteren Augen blicken: Ich habe mich soeben selbst eingesperrt. 
Dieses Problem sollte allerdings auch schnell zu lösen sein, indem ich ein paar Anglistik studierenden Freunden anrufe – irgendjemand würde sich ja doch gerade in der Uni aufhalten. Ich krame also in meiner Hosentasche – und fördere außer einer Packung Taschentücher und einem schwarzen Ring unbekannter Herkunft leider nichts zutage. Mein Handy, so fällt es mir plötzlich wieder siedend heiß ein, habe ich ja im Rucksack gelassen, und dieser dürfte sich wiederum in der Nähe jenes Tisches befinden, neben dem ich mich zwecks der studentischen Ehrenrettung der spontanen Büchner-Lektüre gewidmet hatte. Dann war mein redseliger Kollege gekommen, und dann hatte mir Noras wenn auch eingebildete Erscheinung den letzten Funken meines Verstandes geraubt…
Also gut, ich war verloren, ebenso wie höchstwahrscheinlich meine Wertsachen. Eine Einsicht, die man zwar ungern hat, die aber in Situationen wie dieser für die Übereinstimmung von äußerer und innerer Wirklichkeit von höchster Bedeutung ist.

Nach drei Stunden öffnet sich die Tür wieder, ich fühle mich bereits wie ein Bestandteil des hauseigenen Mobiliars und empfinde den unerwarteten Kontakt zur Außenwelt sogar als leichte Störung dieses absoluten Ruhe-Erlebnisses. Mit der Arbeit an der BA-Arbeit habe ich insgeheim bereits abgeschlossen, denn wer kann schon sagen, wann ich es wieder an die Erdoberfläche schaffen würde? Genauso wie mit meinen Freunden, Bekannten, technisch unfähigen Verwandten und sämtlichen anderen Personen, die mich vielleicht irgendwann irgendwo anders erwarten würden. Das war’s dann wohl mit meinem satirischen bis elegischen Studentenleben, aber immerhin hatte ich auch so meine Späße gehabt, es war nicht alles schlecht gewesen. Und im Falle eines Germanisten ist es wohl sogar als Ehre anzusehen, inmitten von unzähligen verstaubten Büchern zu verhungern oder -dursten. Doch wie es nun scheint, soll es das wohl doch noch nicht ganz gewesen sein…
Jetzt geht auch noch das Licht an, die grellen Strahlen blenden mich heftigst und ich verdecke mein Gesicht instinktiv mit beiden Händen. Eine sonore Stimme meldet sich zu Wort. 
„Na so was, da ist ja schon jemand! Was machen denn Sie hier drinnen?“
Über diese Frage habe ich nun bereits 180 Minuten lang nachgedacht und bin dennoch zu keinem erkenntnistheoretisch befriedigenden Ergebnis gelangt. Daher dränge ich mich lieber schleunigst an der für mich noch immer nur schemenhaft erkennbaren Gestalt vorbei nach draußen, ohne die Hände von meinem Antlitz zu nehmen. Nur ein paar Sekunden lang halte ich noch inne, um ein für alle Mal klarzustellen: „Ach, ich… wollte mich bloß ein bisschen ausruhen.“
Immerhin hat in der Zwischenzeit doch niemand meinen Rucksack gestohlen.

Draußen ist es bereits dunkel geworden, die Uni hat sich beinahe vollständig geleert, die Menschen kehren in die warme Geborgenheit ihrer Häuser zurück, und meine Lider fühlen sich an wie Blei. Jede Sekunde vor einem neongrellen Bildschirm würde mich nur noch weiter erschöpfen und unweigerlich dem Tiefschlaf in die Hände treiben. Somit trete nun auch ich schicksalsergeben meinen Heimweg an, wobei mich meine Füße nur noch schleppend tragen und ich, sobald ich die Tür nach zwei Fehlversuchen endlich aufbekommen habe, kraftlos auf mein Bett sinke. Alle Umgebungsgeräusche, Opernarien wie Ausspracheübungen, treten immer weiter in den Hintergrund, der nun von wohlig warmen Farben ausgefüllt wird. Während die Außenwelt allmählich ihre Bedeutung verliert, kommt mir schließlich wieder meine BA-Arbeit in den Sinn, deren Säulendiagramme immer stärker verblassen. Bevor mich endgültig unendlich weite, absolut stille, erholsame Dunkelheit umgibt, lautet mein letzter Gedanke: Morgen ist auch noch ein Tag.

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Bahnsteigprobleme

Wenn ich so hin und her überlege und sowohl die in der herbstgekühlten Luft umherfliegenden Eichenblätter betrachte als auch jene allmählich dahinschwindenden auf dem Wandkalender, dann wird es früher oder später Zeit, Schlüsse zu ziehen. Beispielsweise den, dass wir beide uns bald wiedersehen werden, sehr bald, man könnte beinahe schon sagen: morgen. Du, sage ich, dabei soll das hier keine direkte Rede werden, kann es auch gar nicht, denn ich sitze allein in meinem von Lernunterlagen, Skizzen und verworfenen Entwürfen übersäten Zimmer. Wenn ich überhaupt irgendetwas an dich zu richten versuche, handelt es sich dabei um einen inneren Dialog. Auch, wenn mich Deutschlehrer dafür verurteilen und Literaturtheoretiker des Veröffentlichungsrechtes berauben würden: Solche Dinge gibt es.
Das Recht auf ein vertrauensvolles D steht mir nicht zu, doch ein einzelner Gedanke ist frei und unterliegt keinen Konventionen. Ich hefte mich an seine Spuren, verdränge den frische gefallenen Schnee und begebe mich auf die Reise durchs Tal der Möglichkeiten. Dorthin, wo ein ums andere Mal die beharrlich unlösbare Frage lauert und mir ihre Dringlichkeit vor Augen hält.

Angenommen, du würdest auch in dieser Woche deinen durch Arbeit und Freundeskreis erzwungenen Alltagsgewohnheiten folgen und wie gewöhnlich am Bahnsteig stehen (freitags um 18:08, Salzburger Hauptbahnhof, Gleis 4, Zug ankommend aus Richtung Zürich)…
Und angenommen, auch meinen persönlichen Plänen hätten die allgemeinen Tücken des Lebens (wie nicht ins akademische Stundenschema passende da zu gehaltvolle Kurse, oder die in diesen Tagen öfters streikenden öffentlichen Verkehrsmittel) keinen Strich durch die Rechnung gemacht, sodass ich mich ebenfalls zur selben Zeit am selben Ort befinden würde…
Da stellt sich dann schon die Frage, mit der man sich vorzugsweise an wortintensiven Donnerstagen in blutleerem Zustand befasst, nämlich:
Wie soll ich ein Gespräch beginnen?

Der Gruß ist unumstritten und besteht gemeinhin aus einem simplen „Hallo“, so viel sei sicher. Wird er vom Gegenüber erwidert, verkompliziert sich die Sache allerdings von einer Sekunde auf die andere ums Hundertfache. Denn nun gilt es wiederum, Eigeninitiative zu zeigen! Zu beweisen, dass es eigentlich und im Grunde genommen ganz und gar nicht zum persönlich bevorzugten Verhaltensmuster zählt, sich wie beim letzten Mal einen verlegenen Starr- und Zwinkerwettbewerb zu liefern. Der war übrigens ziemlich einseitig, da sonst nur noch von einem um Aufmerksamkeit heischenden Pudel wahrgenommen.
Nein, diesmal wird alles anders. Nur, mit welcher Floskel beginnt, was erst eine Stunde später in Linz wieder aufhören soll? Und das möglichst auch noch mit der Ausbeute glücksbringender Zahlen auf dem digitalen Notizblock?

Für Smalltalk wunderbar geeignet und immer wieder ein Thema, das zum kollektiven Seufzen einlädt, kann es auch hier nicht fehl am Platze sein: Das Wetter. Und es ist doch einfach herzerwärmend, an einem Abend Mitte November von einer freundlich lächelnden Person an die wertvolle Information erinnert zu werden: „Heute ist es aber kalt.“
Oder etwa nicht?
Gut, unter Umständen wirkt eine solche Bemerkung doch etwas gekünstelt und vermittelt unter Umständen ein unterschwelliges: „Ich würde wirklich gern mit dir sprechen, die nächsten paar Minuten mit dir verbringen oder vielleicht gleich mein ganzes Leben, intimen Gedankenaustausch betreiben, mein Innerstes nach außen kehren und dir die größten Geheimnisse anvertrauen… Nur habe ich nicht den blassesten Schimmer, wie ich anfangen sollte.“ Und einmal ganz ehrlich, was würde ich selbst auf einen derartigen Kommentar antworten? „Ja. Das stimmt.“ Mehr aber auch nicht. Dabei wird mir im Allgemeinen nicht enden wollende Kreativität nachgesagt.

Nächster Versuch.
Wenn du mit dem Zug fährst, bedeutet das auch, dass du irgendwann auch wieder irgendwo aussteigen musst. An welchem Ort das sein wird, weiß ich nun leider schon, und dich trotzdem und nur um der Worte willen danach zu fragen, würde mich wohl nicht in allzu gutem Licht erscheinen lassen. Allerdings dürfte jener erlesene Ort, an dem du anzukommen gedenkst, für dich auch eine tiefere Bedeutung bereithalten – und nach der könnte ich mich durchaus erkundigen.
Nur… Wohin fährt man am Freitagabend nach einer langen, arbeitsamen Woche für gewöhnlich?? Möglicherweise weder zur Zahnärztin noch zum Dachdecker, sondern schlicht und einfach nach Hause?
Und überhaupt, für wen halte ich mich eigentlich, um etwas derart Persönliches wie deine Wohnverhältnisse anzusprechen? Was soll ich tun, wenn ich eine unmissverständliche Abfuhr erhalte und damit nur eine nun auch hörbare Version meiner ohnehin schon quälenden Zweifel? So eine Antwort würde jegliche zukünftigen Annäherungsversuche zunichtemachen und mich somit in tiefste Verzweiflung treiben.

Da greife ich dann doch noch lieber zur intellektuellen Variante. Ein aktuelles, tagespolitisches Thema mit sozioökonomischen Hintergrund und von internationaler Relevanz macht sicher jederzeit Eindruck! Der winzig kleine Haken an der Sache: Ich habe keine Ahnung, wie ich ein solches auftreiben und es dir im Anschluss zudem noch auf verständliche Weise unterbreiten sollte. Denn die Kommunikation meiner Nervenbahnen neigt mitunter zu komplikationsreichen Unterbrechungen – womit wir wieder beim Zugfahren wären. Zur Aufrechterhaltung meiner Würde sei hinzugefügt, dass das bevorzugt an Freitagabenden auf Bahnsteigen vorkommt.

Ach ja, und um die Sachlage ein für alle Mal in den Bereich der unüberbrückbaren Schwierigkeiten zu verfrachten: Soll ich Dialekt sprechen oder sogenanntes Standarddeutsch? Würde Ersteres von Ungebildetheit zeugen oder Zweiteres von übertriebener Korrekt-, ja vielleicht sogar Steifheit? Nur für den wenig wahrscheinlichen Fall, dass mit tatsächlich irgendeine mehr oder weniger geistreiche Wortmeldung über die Lippen kommt: Damit würden die Probleme dann erst so richtig beginnen. Die Kompromisslösung wäre eine Mischung aus beiden Varianten, eine sogenannte Umgangssprache, allerdings – ist mir der Klang derselben so unangenehm, dass ich mich selbst kaum mitanhören kann. Rede ich so, wie man es in meiner Heimat macht (oder zumindest in einer durch Umrisse skizzierten Konstruktion dieses ideellen Gedankenortes), laufe ich Gefahr, nicht verstanden und durch ein unwilliges „Was?!“ auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt zu werden. Tue ich es nicht, vermittle ich in mit Aufregung verbundenen Situationen häufig den Eindruck, aus dem Norden Deutschlands zu stammen… Und wer weiß, ob du auch eine dieser Personen bist, die mit diesem Tonfall ungerechtfertigte Vorurteile wie etwa Arroganz verbinden? Ich könnte natürlich auch erklären, dass das nur meine Nerven sind, aber unsere Konversation mit den Worten „Hallo, ich bin nicht aus Deutschland“ einzuleiten, erscheint mir etwas unangemessen.

Und was – daran habe ich noch gar nicht gedacht! – , wenn ich mich verspreche, nicht bloß ein bisschen, sondern einen völlig anderen Begriff verwende als den eigentlich Gemeinten, aber dennoch einen, der unangenehmerweise sogar Sinn ergibt? Und zwar in solcher Weise, dass er plötzlich viel deutlicher meine tatsächliche Verfassung widerspiegelt als alle vorherigen, von mir benutzten – den ich aber aus ebendiesem Grund aus meinem Wortschatz zu verbannen versucht habe?! Ja, was dann? Was um Himmels Willen soll ich tun, wenn sich im entscheidenden Moment kein Loch im Boden auftut und mich verschlingt?

Ein weiterer, letzter, endgültig allen Grund zur Besorgnis gebender Aspekt: Die technischen Details. Bisherige Erfahrungen haben mir gezeigt, dass meine Logik irgendwie ihren Halt verliert, sobald jemand wie du in meinem Blickfeld erscheinst. Was wiederum folgenschwere Auswirkungen auf Orientierungs- und Gleichgewichtssinn nach sich zieht. Stellen wir uns vor, ich erkenne dich genau in dem Augenblick, in dem der Zug einfährt: Wie viel Ungeschick braucht es da wohl noch, um einen falschen Schritt zu tun und auf die Gleise hinabzustürzen? Oder aber gegen eine Tafel mit dem Fahrplanaushang zu laufen, was zwar bei weitem nicht so verheerende Folgen mit sich bringt, mir aber dennoch jeden weiteren Blick in deine Richtung unmöglich machen würde?! Ja, mein Vorhaben kann mitunter sogar lebensgefährlich sein, daran hätte ich anfangs nicht im Traum gedacht. Auf welche Abgründe man doch stößt, wenn man sich mit den Dingen einmal genauer auseinandersetzt..

Angesichts dessen ist es wohl doch besser, gar nichts zu unternehmen.
Oder vielleicht sollte ich mich lieber gleich verstecken, um all diesen hypothetischen Malheurs zu entgehen. Denn ich weiß ja, dass du da bist, wie all die Freitagabende zuvor, und habe auch ganz schön Angst davor, dass du es irgendwann nicht mehr sein wirst.
Allerdings: Wo genau könnte ich das machen? Unter den Stahlsesseln ist so entsetzlich wenig Platz, aber nun ja, eine strikte Diät würde mir sicher über dieses Problem hinweghelfen, nur bleiben mir dazu nur noch lächerliche 19 Stunden, in denen ich eigentlich noch drei schriftliche Arbeiten verfassen muss und somit nicht gleichzeitig fasten und unaufhörlich um die Siedlung rennen kann, und außerdem…

[Satire] Für Wortklauber und Innen

Binnen-I

Binnen weniger Wochen hat sich ein Thema in die mediale Berichterstattung eingeschlichen, das in einigermaßen gebildeten Kreisen für Schrecken und Entsetzen sorgt: Das Binnen-I. Es kann niemanden kaltlassen – zumindest kein weibliches Wesen. Immerhin geht es dabei um nichts Geringeres als um die Wahrnehmung der Existenz von Frauen in Kultur, Politik und Gesellschaft, die akut gefährdet ist. Soziologen gehen davon aus, dass bis 2020 in der Öffentlichkeit keine Rede mehr von ihnen sein wird, da die Sprache unweigerlich den Zeitgeist widerspiegelt.

Alles begann – wie sollte es anders auch sein – eigentlich ganz harmlos. Nämlich beim ersten österreichischen Formel-1-Rennen seit Menschengedenken (bzw. 1987) in Spielberg, wo der allseits beliebte volksdümmliche (entschuldigen Sie den Schreibfehler, natürlich -tümliche!) Sänger Andreas Gabalier von sich reden machte. Und das anhand eines Geniestreichs: Er bediente sich schlicht und einfach des urtypischsten österreichischen Prinzips, das man sich denken kann. „Es woa scho immer so und wird ah immer so bleiben“, sagte er sich und ging das halsbrecherische Wagnis ein, die Bundeshymne ohne die 2011 unter größten lyrischen Mühen dazugedichteten „Töchter“ zu singen. Natürlich blieb diese Heldentat nicht ohne Folgen, denn eine derartige Beleidigung des Vaterlandes sahen sämtliche Amts- und Würdenträger als schlicht und einfach nicht vertretbar an! Irgendwie dürfte der Steirer das ganze Aufsehen und die Schlagzeilen in den Zeitungen aber auch ganz angenehm gefunden haben, war sein Name doch plötzlich wieder in aller Munde. Und vielleicht begannen nun auch noch einige bisher ignorante Musikliebhaber, den Kauf einer seiner CDs in Betracht zu ziehen…

Natürlich ist es sein gutes Recht, die Worte, die er als Achtjähriger in der Volksschule lernte, seitdem nicht mehr zu hinterfragen. Schon allein, weil er Österreicher ist. In dem Alter wurde mir übrigens auch erzählt, dass die deutsche Grammatik aus Namen-, Eigenschafts- und Tunwörtern besteht – und mit diesem Wissen bin ich auch lange Zeit durchgekommen. (Zumindest bis zum ersten Irrelevanzkonditionalsatz meines Germanistik-Studiums.) Warum nur diese ständige Bevormundung durch ultraliberale Menschen, die keine Ahnung mehr von Bodenständigkeit und Heimatverbundenheit haben? Heutzutage besitzen Sympathieträger Bart und langes Haar anstelle von urigen Lederhosen, was uns noch dazu auf Anhieb einen Sieg beim Songcontest beschert. Wer wünscht sich schon so etwas?

Doch kommen wir nun auf den eigentlichen sozialen Brennpunkt zu sprechen, auf das Kernthema jeder aktuellen Diskussion von weltweiter Bedeutsamkeit. Gabaliers waghalsiger Vorstoß ins Herz der österreichischen Seele inspirierte nämlich auch noch ganz anders anzusiedelnde Persönlichkeiten zu einem Manifest politischer Unkorrektheit. Diesmal ging es jedoch nicht um unsere vielbegnadigten Töchtersöhne, nein, ein anderes Zeichen weiblicher Wertschätzung musste dran glauben: Das Binnen-I. Höchstwahrscheinlich von bewusstseinserweiternden Mitteln berauscht, deren Legalisierung derzeit immer häufiger diskutiert wird, verfassten namhafte Österreicher ein Schreiben, das in Wahrheit nur einer Bezeichnung gerecht wird: Es handelt sich hierbei um eine unerträgliche Selbstverleugnung aller unterzeichnenden Frauen. Das Binnen-I, dieser wundervolle Grund zur Negativbeurteilung inhaltlich nicht mit der Meinung des LV-Leiters kompatibler Seminararbeiten, soll die amtlichen Gesetzbücher verlassen!

Ja, es ist eine unverschämte Forderung, die jede/n unbescholtene/n BürgerIn sowie alle Mütter, Väter, Töchter, Söhne, EnkelInnen, Nichten, Neffen, Cousins/en, Großmütter, Großväter, UrenkelInnen, Tanten, Onkel, Großcousins/en und die restliche Verwandtschaft in Schrecken versetzte. Man stelle sich dieses Szenario nur einmal vor: Gendern wäre plötzlich Schnee von gestern, wissenschaftliche Arbeiten und öffentliche Texte müssten daher nicht mehr einer pedantischen Überprüfung auf geschlechterneutrale Schreibung unterzogen werden. Frauen würde ihre Existenz nur mehr in dem einen Wort am Anfang dieses Satzes zugestanden werden. Ansonsten würden sie allmählich in Vergessenheit geraten – denn wer könnte sich noch daran erinnern, dass es einmal so etwas wie Gleichstellung und Gerechtigkeit gab?! Bei der Verteilung der Löhne würde sich auch nicht viel ändern, aber das ist ohnehin nichts Neues und im Vergleich zum immensen sprachlichen Problem schon immer nur ein unbedeutendes Nebenthema gewesen. Was zählt, ist doch die Wirkung nach außen, der Anschein von Fairness, der sich theoretisch auch in einer den Fähigkeiten entsprechenden Bezahlung äußern könnte. Rein hypothetisch natürlich. Denn welcher Chef schätzt es nicht, sich hinter geschlechterneutralen Formulierungen verstecken und dabei einen Teil seines kostbaren Vermögens einsparen zu können?

Doch ich, selbst wohl irgendwann einmal von diesem naturgegebenen Gleichgewicht betroffen, verspreche hiermit hoch und heilig: In Sachen Binnen-I werden wir bis zum Äußersten gehen, um nicht einfach sang- und klanglos aus der Alltagssprache und somit von der Bildfläche zu verschwinden! Wir wissen uns zu wehren, wenn die Regierung mit infamen Mitteln gegen die Durchsetzung  der ureigensten feministischen Forderungen mobil macht!
An dieser Stelle möchte ich außerdem offiziell für die Abschaffung des Französischen plädieren. In dieser frauenfeindlichen Sprache ist es nämlich gang und gäbe, das weibliche Personalpronomen in der 3. Person Mehrzahl, also „elles“, durch ein männliches – „ils“ zu ersetzen, sobald sich auch nur ein einziger Mann inmitten von hunderten weiblicher Wesen befindet. Das ist nach heutigen Maßstäben unzumutbar und sollte in nächster Zeit hoffentlich zur Verhaftung der führenden romanistischen Sprachwissenschaftler führen. Europa muss ein starkes Zeichen setzen, um Andersdenkenden klar zu signalisieren, dass derartige linguistische Diskriminierungen hier nichts mehr zu suchen haben!

Zum Schluss noch ein Denkanstoß zur ausgiebigen kontemplativen Betrachtung der gegenwärtigen Situation: Wenn derartige Problematiken ausgerechnet im Rahmen eines (mangels menschenfressendem Wels und Kärntner Brückengeist noch nicht gestopften) Sommerlochs auftreten – kann man das eigentlich noch Zufall nennen?
Dass dieser Blogbeitrag mit dem Wort „Binnen“ beginnt, ist jedenfalls keiner.

CMK