Der Tag der Vollendung. Ein Fragment

max frisch

Um 7.38 Uhr reißt mich ein ohrenbetäubender, langgezogener Schrei aus dem Schlaf. Ich, bis dahin im Traum von bedrohlichen Verfolgern, unaufschiebbaren Gruppenarbeiten und furchteinflößenden Prüfungsszenarien umringt, werde schlagartig wieder ins Hier und Jetzt zurückgeholt, sprich: In dieses triste, graue Studentenleben am 13. November 2017, der noch dazu ein Montag sein muss. Und im Zimmer direkt neben mir vollzieht sich zu allem Überfluss auch noch eine Beziehungstragödie.
„Das Messer – nein, so gib es mir doch – Alexander – was willst du damit?!“
„Du weißt genau, was du getan hast. Ich habe euch zusammen gesehen, in der kleinen Kneipe ums Eck – nicht mal so viel Anstand hattet ihr, es wenigstens im Geheimen zu treiben!“ 
„Aber Schatz, das war doch nur ein Spaß, wir sind Kollegen, was ist denn in dich gefahren?“
Der männliche Part scheint das völlig anders zu sehen. Zuerst ist verhaltenes Knurren zu hören, dann eine ganze Reihe an Vorhaltungen, wann, wo und unter welchen Umständen er seinem Kontrahenten bereits im Vorfeld auf die Schliche gekommen sei. Das Ganze gipfelt in einem fuchsteufelswilden, gepresst hervorgebrachten, dem Vernehmen nach von wahnsinnigem Zähnefletschen begleitetem: „ICH MACH DICH FERTIG!“
Schließlich noch ein Schrei, begleitet vom Brüllen einer tiefen Stimme, schluchzendes Wimmern und ein paar Schläge – dann ist es wieder still.
Ich atme auf und blinzle die letzten Nebelschleier aus meinen Augen, wobei mein Blick auch schon  am leider allzu vollen Wandkalender hängen bleibt. Für gestern stand sowohl eine äußerst umfangreiche Literaturgeschichteprüfung als auch marathonähnliches Schreiben an meiner Abschlussarbeit auf dem Programm; an der Erstellung von aussagekräftigen, gestapelten 3D-Säulendiagrammen war ich bis halb vier gesessen. (Nachts natürlich.) Kein Wunder, dass mir das Aufstehen jetzt so schwer fiel und es mein Handywecker, der bereits vor 8 Minuten geläutet hatte, nicht bis in die Tiefen meines erschöpften Traumbewusstseins geschafft hatte. Aber es half alles nichts – ich musste aufstehen und erst mal meine Wohnung von den unzähligen darin verstreuten Notizzetteln befreien, bevor es zur Uni ging. Als ich gerade die beinahe vergessene Pflicht einer Texteinsendung für die studentische Lesung am 28. in den Kalender eintragen will, beginnt das Drama im Nebenzimmer aufs Neue. „Oh Liebster, gibt mir das Messer, ich flehe dich an…!“
Warum sollte ich mir zur Unterhaltung einen Fernseher anschaffen, solange das halbe Wohnheim von Schauspielstudenten des Mozarteums bevölkert ist? 

Um Punkt acht – ich habe gerade erst so richtig realisiert, dass ich noch keine Ahnung habe, worüber ich in diesem von einer Bekannten erbetenen Text eigentlich schreiben sollte – klingelt mein zuvor völlig übersehenes Handy. In Erwartung meiner Freundin Mira heben sich meine Mundwinkel zum ersten Mal an diesem Morgen, und ich sehe zu, dass ich ihr gleich mal zuvorkomme: „Na, ist es doch noch was geworden mit dem lieben Nachbarn? Ich hab doch gewusst, dass da was geht, so wie der dir immer wieder Blicke zugeworfen hat! Und, wie war’s?“
Es ist meine Mutter. „WIE BITTE?!?“ 
(Wir haben einen Nachbarn.)
„Nichts, nichts. Das gerade war nur noch der restliche Text für das aktuelle Stück meiner Theatergruppe. Du weißt ja, die Aufführung ist übermorgen. Also quasi. Ich bin leider nicht mehr mit dem Proben fertiggeworden, bevor ich abgehoben hab…“ 
Sie unterbricht mich. „Wie sieht’s aus? Hast du ihn?!“
„Wen? Den… Nachbarn?“ 
In der Wohnung über mir schaltet jemand das Radio ein. „Alle hab’n nen Job! Ich hab Langeweile!“
Meine Mutter stößt einen tiefen Seufzer aus. „Haha, sehr witzig. Was ist denn bei dir überhaupt los? Wieder mal zu viel gefeiert letzte Nacht?“ 
„Was?? Nein, wieso? Ich war nach der Prüfung gestern völlig erschöpft, jetzt bin ich eben aufgewacht und mach mich fertig für die Uni.“
„Ahahaha, ja, genau das kannst du deiner Großmutter erzählen!“ Vergeblich versuche ich, das Handy von jeglichen Außengeräuschen zu isolieren. Derweil geht es oben auf Ö3 munter weiter: „Keiner hat mehr Bock auf Kiffen, Saufen, Feiern!“
„Mama, das ist nur ein Radio. Nicht mal meines. Ich bin im Studentenheim, das weißt du doch…“
„Ach ja, genau, deine Ausreden waren auch schon mal besser. Also wenn du so weitermachst, wirst du nie mit deinem Studium fertig! Arbeitslos wirst du, wenn du’s genau hören willst! Ob du den Bachelor schon hast, wollte ich wissen – aber die Frage hat sich ja wohl erübrigt. Ha, liegst wahrscheinlich in irgendeiner fremden Wohnung am Boden und wartest, bist du wieder nüchtern genug bist, um gerade zu stehen. Na, ein schönes Studentenleben hast du. Wenn ich das nur geahnt hätte, damals, als ich dir meine finanzielle Unterstützung zugesagt – “
Geistesgegenwärtig habe ich sie weggedrückt, bevor meine Zukunftsaussichten als taxifahrender Drogendealer mit Immatrikulationshintergrund noch konkretere Formen annehmen.

Aber einen Vorteil hatte das Telefonat gerade tatsächlich: Es hat mich daran erinnert, dass heute der Tag aller Tage ist. Jenes Datum, an dem ich, nach langer und schwerer Geburt von Forschungsthese, inhaltlicher Ausarbeitung, Bibliographie und nicht zuletzt Titelblatt, endlich meine zweite Bachelorarbeit fertigstellen werde. Und damit, nachdem das gestern die letzte Prüfung meines Studiums war und alle anderen Arbeiten bereits beurteilt sind, den letzten Schritt auf meinem Weg zum akademischen Titel tun. Oh ja, dies wird der Tag aller Tage! Das Licht am Horizont wird immer heller, die Ausgangstür aus der titellosen Unmündigkeit ist bereits zum Greifen nahe.
Voll Elan packe ich daher meinen Rucksack für die Uni, wo ich mich ehestmöglich an irgendeinen einsamen, menschenverlassenen Platz in eremitenfreundlichem Umfeld begeben und das Ding ein für alle Mal fertigschreiben werde.
[An dieser Stelle geschieht etwas Unerhörtes, Unbeschreibliches, absolut Abstruses, das allerdings so viele Worte benötigen würde, dass man noch nach einigen Stunden noch nicht mit dem Lesen dieses Blogeintrag fertig wäre, stattdessen aber urplötzlich mit all seinen Aufgaben, weil man inzwischen angesichts all der dadurch versäumten Aufgaben fristlos gekündigt wurde. Daher sei diese völlig sinnbefreite Begebenheit aus Rücksicht auf alle Beteiligten erst einmal verschwiegen und möge unter Umständen im Zuge einer virtuellen Fortsetzung zum Besten gegeben werden.]
Auf dem Weg zum nachmittäglichen Seminar, den ich mit einem großen Becher Kaffee antrete, schlägt mir plötzlich jemand von hinten auf die Schulter. Nachdem man in übernächtigtem Zustand zu leichten Extremen in der Handlungsweise neigt, entfährt mir erst mal ein kurzer Ausruf des Erschreckens, bevor ich registriere, um wen es sich bei dem vermeintlich Unbekannten handelt.

„Oh, hallo, Michael! Ich hatte vorher gar nicht mehr Zeit, dir zurückzuschreiben… Hast du jetzt auch einen Kurs?“
Hat mein Gegenüber in Anbetracht der fünf Bücher unter seinem Arm ganz offensichtlich, und es noch dazu auch ganz schön eilig. Mit einem heftigen Ruck entreißt er mir meinen Kaffeebecher. 
„Wow, du denkst wirklich an alles! Das wär‘ nun wirklich nicht nötig gewesen! Aber dankee – und bis demnächst, ich muss weiter!“
Und schon sind sowohl Michael als auch mein Lebenselixier um die Ecke verschwunden. Der Aufstieg ins höchste Obergeschoß weist mit einem Mal Ähnlichkeiten zu einer Besteigung des Gaisbergs auf, doch irgendwie schaffe ich es schließlich doch bis aufs Dach. Dunkel erinnere ich mich daran, dass mich mein Freund in seiner letzten Nachricht tatsächlich scherzhaft darum gebeten hatte, ihm einen Kaffee zu bringen.

Als ich endlich wieder einigermaßen zur Ruhe gekommen bin, ist es ausgerechnet ein Stuhl mit Klapppult, auf den ich mich erschöpft fallen lasse. Der nächste Kurs hat nämlich schon wieder begonnen, und ich gebe mir alle Mühe, trotz des fehlenden Kaffees mit letzter Kraft meine Augen offenzuhalten. Das Thema der Einheit ist wirklich sehr interessant, es geht um Exilliteratur und sprachliche Heimaten, und auch das dazugehörige Referat widersetzt sich meinem zuvor noch so dringenden Schlafbedürfnis. Während dessen nachfolgender, allgemeiner Diskussion höre ich allerdings mein Handy mehrmals vibrieren, was doch auf eine einigermaßen ernstzunehmende Nachricht von der Außenwelt schließen lässt – falls der Kollege vor mir nicht etwa aus Diskretionsgründen schriftlich mitteilen lässt, dass ihm die Handouts ausgegangen sind. Aus Neugier und rückblickend auch enormem Leichtsinn öffne ich daher leise die Seitentasche meines Rucksacks und sehe nach, wer da so eifrig per WhatsApp um meine Aufmerksamkeit ringt.
Es ist eine neue Nachricht von meiner Cousine. Sie, ihres Zeichens designierte Geschäftsführerin der städtischen Professional Law Consulting GesmbH CoKg, der erfolgreichsten Anwaltskanzlei im nationalen Ranking, schreibt mir: „Sorry, wenn ich störe, aber könntest du mich am Nachmittag mal besuchen? Ich glaub, mein Computer ist explodiert.“
In Windeseile drücke ich die Sperrtaste, lasse das Handy schnell wieder in meinen Rucksack gleiten und rücke meinen Stuhl zurecht. Ich zupfe an meinem T-Shirt, räuspere mich gedämpft und verschränke abrupt die Arme. Und doch ist es nicht mehr zu leugnen: In meinen Wangenmuskeln breitet sich ein gefährliches Zittern aus. Schon merke ich, wie meine Mundwinkel unkontrollierbar zucken, ein paar Millimeter nur, doch die Veränderung lässt sich nicht von der Hand weisen. Entschlossen revidiere ich meine Sitzposition, schlage die Beine übereinander und beginne an meinen Fingern zu ziehen. 
Diese Nachricht ist natürlich überhaupt nicht witzig – möglicherweise steht meine Cousine vor einer Katastrophe und ich bin die einzige Person, die sie davor bewahren kann, weil sie es wieder mal aus falschem Stolz nicht übers Herz bringt, einen technisch versierteren Kollegen um Hilfe zu bitten. Möglicherweise. Aber vielleicht hat sie auch  wieder mal bloß den falschen Stecker gezogen.
Allein die Vorstellung, wie sie letztes Mal fieberhaft nach der Garantie des Geräts suchte, weil sie den Regler für die Bilschirmhelligkeit aus Versehen einmal zu viel betätigt hatte und das Desktop daher schwarz blieb… Nein, bitte nicht. Beinahe wäre mir ein kieksendes Geräusch entkommen, doch ich reiße geistesgegenwärtig den Arm in die Höhe und wandle das Ganze in ausgedehntes Gähnen um. Vielleicht etwas zum Missfallen der Kursleiterin, doch immerhin ist nichts Schlimmeres passiert. Aber dann muss diese, als könnte sie meine mir unangenehmen Gedanken lesen, auch noch damit anfangen: „In der Literatur des 19. Jahrhunderts waren schnelle, ruckartige Ereignisse ja Metaphern für all diese unvorhersehbaren Neuerungen, vor denen man sich fürchtete. Man misstraute der modernen Technik.“ Ich breche in krampfhaften Husten aus. Der klingt vielleicht etwas merkwürdig, aber niemand fühlt sich weiters gestört. Bis sie weiter fortfährt:„… Beispielsweise: Naturkatastrophen. Gewitter, Erdbeben… Oder eben irgendwelche Explosionen.“ 
Es geht einfach nicht mehr. Mein Mund öffnet sich wie von selbst, die Atmung wird unkontrollierbar tief und ruckartig, glucksende Laute bahnen sich ihren Weg an die Oberfläche und schließlich endet alles in einem ungewollt lauten, schwer überhörbaren, markerschütternden: „HAAAAAA! Ahahahahahaaa! Hiiiiihooooohuuuuu!!“ 
Sofort schlage ich mir die Hand vor den Mund, doch das ändert auch nichts mehr daran, dass mich 25 Augenpaare (Notiz für den Brandschutz: natürlich ist der Kurs nicht überfüllt!) entgeistert anstarren. Einschließlich der Kursleiterin, die meinen Kommentar zu ihren Ausführungen wohl eher weniger diskussionswürdig findet.
„Wie ich sehe, amüsieren Sie sich hier ja prächtig, während Ihre Kollegen sich mit dem Phänomen der Auswanderung in der Literatur beschäftigen? Könnten Sie uns wenigstens verraten, was Sie an den Ängsten der Menschen im 19. Jh. so lustig finden?“
Ernsthaft bestürzt (und noch immer mit dem sonderbaren Klang meines Gelächters im Ohr) ringe ich um eine Erklärung. „Ich… ich… Das war bloß der Wortwitz.“
Da beginnt mein Telefon gleich noch heftiger zu vibrieren, und ich trete zur Vorsicht gleich die Flucht aus dem Seminarraum an. Dass mein Klapppult das nicht mehr mitmacht und durch frühzeitige Materialermüdung direkt vor die Füße der Dozentin geschleudert wird, betrachte ich nur noch als dezenten Hinweis, dass das heute wirklich nicht gerade mein Tag ist.

Während ich noch überlege, ob ich mich überhaupt jemals wieder in diesem Kurs blicken lassen sollte, hebe ich verwundert ab. „Charlotte, was ist denn?“ Meine Tante hat sich eigentlich schon seit ihrem Geburtstag im Juni nicht mehr gemeldet.
„Ach, wir machen uns ja bloß Sorgen um dich! Deine Mutter war gerade bei mir, sie hat mir erzählt, wie schwer du dir im Studium tust und wie du gerade dabei bist, ins Drogenmilieu abzugleiten! Ich wollte es ihr ja lange Zeit verschweigen, aber irgendwie hab ich das schon kommen gesehen. Du hättest einfach von Anfang an eine Lehre machen sollen, das würde viel besser zu dir passen! Ich hab ja schon bei der Matura gemerkt, dass das nix für dich ist, diese ständige Lernerei, du hast ja fast schon durchgedreht damals!  Manchmal muss man halt einfach erkennen, dass der Weg, den man eingeschlagen hat, einen nicht weiterbringt. Und tu doch nicht so, als müsstest du immer noch wem was beweisen! Ist doch ganz normal, dass in einer Familie nicht alle den gleichen IQ haben können. Die Cousine erfolgreiche Anwältin, der Bruder Geschäftsführer einer international agierenden Handelsfirma – wir können ja eh auch noch wen Bodenständigen gebrauchen, einen, der fürs Praktische und Simple geeignet ist!“
„Aber, Charlotte, meine Mutter hat mich gar nicht ausreden lassen. Ich bin doch sogar schon am Ende -„
„Tja, das dachte ich mir. Natürlich bist du am Ende deiner geistigen und körperlichen Kräfte, den Anstrengungen einfach nicht gewachsen, durch die ständigen Rauschmittel allmählich von innen ausgezehrt…“
Ich fasse es einfach nicht. „Liebe Tante, mir geht es sehr gut. Ihr müsst mich nicht ständig anrufen, ich komme schon allein zurecht und bin gerade dabei, den Schluss meiner – „
„Nein! Tu es nicht! Du hast noch fast dein ganzes Leben vor dir! Du kannst dich jederzeit jemandem anvertrauen, wenn es dir schlechtgeht, aber ich bitte dich, halte durch!!“
„Charlotte, ich bin fast fertig!! Verstehst du? Fast fertig!! Mit der Bachelor-„
„Ja, das ist mir schon klar, dass du mit den Nerven am Ende bist. Bei diesem Milieu – deine Mutter hat mir schon Schreckliches erzählt. Ich will gar nicht wissen, womit du deine Nächte verbringst…“
„MIT MEINER BACHELORARBEIT!! KEINE DROGEN!! ICH DEALE UND NEHME NICHTS UND MUSS AUCH NICHT AUF ENTZUG!! „
Da biegt schon wieder meine Kursleiterin um die Ecke, und ich bemühe mich, den innerhalb der letzten Viertelstunde möglicherweise entstandenen falschen Eindruck durch interessierte Blicke in eines unserer besprochenen Werke wettzumachen.

Nun will ich mich aber wirklich in die Bibliothek begeben, zu irgendeinem ruhigen, idyllischen, kunstlichtbestrahlten Platz, an dem mir weder äußere noch innere Unruhe etwas anhaben können und ich mein Meisterwerk endlich zu einem Ende bringe, das es verdient hat. Daher würde ich das Gespräch mit meinem inzwischen nachgekommenen Sitznachbarn aus dem Seminar ab, indem ich einfach nicht mehr antworte und hektisch auf die Uhr deute, die meinem persönlichen Zeitgefühl schon wieder viel zu weit voraus ist. Zum Glück versteht er mich auch ohne Worte und räumt das Feld in Windeseile, wobei er mir die Durchgangstür vor der Nase zuknallt.
Allein draußen am Flur angekommen, traue ich plötzlich meinen Augen kaum. Man muss wissen, es gibt nicht vieles, das mich nach einem dreijährigen Germanistikstudium noch aus dem Konzept bringt – solange es nichts mit Anglistik zu tun hat. Genauer gesagt mit einer Studentin eben dieses Fachs, deren rostroten Haarschopf ich gerade beim Kaffeeautomaten erkannt zu haben glaube. Wir haben uns schon ewig nicht mehr gesehen, genauer gesagt seit letztem Freitagmorgen, als wir uns am Bahnhof über den Weg liefen und dann auch noch sage und schreibe vier Stunden lang gemeinsam von Salzburg nach Innsbruck gefahren sind, weil es wegen des Wintereinbruchs zu ständigen Betriebsstörungen kam. Herrlich! Dieses Erlebnis hatte mich dann irgendwie auch so nachhaltig geprägt, dass ich das ganze Wochenende außer Standes gewesen war, auch nur ein einziges Wort an meiner BA-Arbeit weiterzuschreiben. Bzw. war das im Hinblick auf die Qualität der Studie wohl auch besser so. 
Und jetzt fühle ich mich schon wieder leicht benebelt. Was, wenn sie nicht… und überhaupt… ich weiß ja gar nicht… Aber wir haben uns doch auch schon 4h lang ununterbrochen unterhalten, und außerdem wollten wir uns ja auch mal für den Weihnachtsmarkt verabreden – Grund genug, sie noch mal anzusprechen. Zielstrebig gehe ich also auf den Automaten zu, versuche, nicht allzu glückselig zu grinsen, lege mir sorgfältig einen ersten Satz zurecht – und stehe allein vor der Maschine. Weit und breit ist von Nora nichts mehr zu sehen! Doch halt, hat sich da drüben nicht gerade eine Tür bewegt? Oh ja, sie muss in den Archivraum gegangen sein. Der Teil des Gebäudes gehört ja zur Anglistik, also nur logisch, dass Nora da drinnen etwas sucht. So eile ich ihr hinterher, hinein in einen erstaunlicherweise dunklen Raum – aber genau deshalb hatte sie die Tür wohl auch offengelassen. Während ich noch immer nach dem Lichtschalter suche, fällt sie bezeichnenderweise hinter mir ins Schloss.
„Nora, wo ist denn…“ Noch bevor ich fertiggeredet habe, wird mir klar, dass hier drinnen außer vielen Büchern nichts ist. Keine Nora, und nun eben auch kein Licht mehr. Um dieses Manko zu beheben, drücke ich die Türklinke wieder herunter – doch es bewegt sich nichts mehr. Nach einigen weiteren, ebenso erfolglosen Versuchen muss ich den Tatsachen in die stockfinsteren Augen blicken: Ich habe mich soeben selbst eingesperrt. 
Dieses Problem sollte allerdings auch schnell zu lösen sein, indem ich ein paar Anglistik studierenden Freunden anrufe – irgendjemand würde sich ja doch gerade in der Uni aufhalten. Ich krame also in meiner Hosentasche – und fördere außer einer Packung Taschentücher und einem schwarzen Ring unbekannter Herkunft leider nichts zutage. Mein Handy, so fällt es mir plötzlich wieder siedend heiß ein, habe ich ja im Rucksack gelassen, und dieser dürfte sich wiederum in der Nähe jenes Tisches befinden, neben dem ich mich zwecks der studentischen Ehrenrettung der spontanen Büchner-Lektüre gewidmet hatte. Dann war mein redseliger Kollege gekommen, und dann hatte mir Noras wenn auch eingebildete Erscheinung den letzten Funken meines Verstandes geraubt…
Also gut, ich war verloren, ebenso wie höchstwahrscheinlich meine Wertsachen. Eine Einsicht, die man zwar ungern hat, die aber in Situationen wie dieser für die Übereinstimmung von äußerer und innerer Wirklichkeit von höchster Bedeutung ist.

Nach drei Stunden öffnet sich die Tür wieder, ich fühle mich bereits wie ein Bestandteil des hauseigenen Mobiliars und empfinde den unerwarteten Kontakt zur Außenwelt sogar als leichte Störung dieses absoluten Ruhe-Erlebnisses. Mit der Arbeit an der BA-Arbeit habe ich insgeheim bereits abgeschlossen, denn wer kann schon sagen, wann ich es wieder an die Erdoberfläche schaffen würde? Genauso wie mit meinen Freunden, Bekannten, technisch unfähigen Verwandten und sämtlichen anderen Personen, die mich vielleicht irgendwann irgendwo anders erwarten würden. Das war’s dann wohl mit meinem satirischen bis elegischen Studentenleben, aber immerhin hatte ich auch so meine Späße gehabt, es war nicht alles schlecht gewesen. Und im Falle eines Germanisten ist es wohl sogar als Ehre anzusehen, inmitten von unzähligen verstaubten Büchern zu verhungern oder -dursten. Doch wie es nun scheint, soll es das wohl doch noch nicht ganz gewesen sein…
Jetzt geht auch noch das Licht an, die grellen Strahlen blenden mich heftigst und ich verdecke mein Gesicht instinktiv mit beiden Händen. Eine sonore Stimme meldet sich zu Wort. 
„Na so was, da ist ja schon jemand! Was machen denn Sie hier drinnen?“
Über diese Frage habe ich nun bereits 180 Minuten lang nachgedacht und bin dennoch zu keinem erkenntnistheoretisch befriedigenden Ergebnis gelangt. Daher dränge ich mich lieber schleunigst an der für mich noch immer nur schemenhaft erkennbaren Gestalt vorbei nach draußen, ohne die Hände von meinem Antlitz zu nehmen. Nur ein paar Sekunden lang halte ich noch inne, um ein für alle Mal klarzustellen: „Ach, ich… wollte mich bloß ein bisschen ausruhen.“
Immerhin hat in der Zwischenzeit doch niemand meinen Rucksack gestohlen.

Draußen ist es bereits dunkel geworden, die Uni hat sich beinahe vollständig geleert, die Menschen kehren in die warme Geborgenheit ihrer Häuser zurück, und meine Lider fühlen sich an wie Blei. Jede Sekunde vor einem neongrellen Bildschirm würde mich nur noch weiter erschöpfen und unweigerlich dem Tiefschlaf in die Hände treiben. Somit trete nun auch ich schicksalsergeben meinen Heimweg an, wobei mich meine Füße nur noch schleppend tragen und ich, sobald ich die Tür nach zwei Fehlversuchen endlich aufbekommen habe, kraftlos auf mein Bett sinke. Alle Umgebungsgeräusche, Opernarien wie Ausspracheübungen, treten immer weiter in den Hintergrund, der nun von wohlig warmen Farben ausgefüllt wird. Während die Außenwelt allmählich ihre Bedeutung verliert, kommt mir schließlich wieder meine BA-Arbeit in den Sinn, deren Säulendiagramme immer stärker verblassen. Bevor mich endgültig unendlich weite, absolut stille, erholsame Dunkelheit umgibt, lautet mein letzter Gedanke: Morgen ist auch noch ein Tag.

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Graustufen

graustufen

Atemlos stürme ich durch das verdüsterte Industriegebiet, vorbei an gemächlichen Wochenendheimkehrern und allerhand Litfaßsäulen. Unverständliche Buchstaben-kombinationen zeigen an, wo ich demnächst auf keinen Fall sein werde, denn meine Reise geht weiter, auf jede erdenkliche Art und Weise. Sirenen heulen irgendwo, vielleicht auch nur als Warnung vor der Zukunft. Vor dem inneren Auge blinkt munter das Testbild.
Überall Flugschriften mit pseudoanarchistischem Unterton, und ich betrachte scheinbar gedankenlos eine Amsel im Vordergrund einer sich kunstvoll entlaubenden Linde, während meine Füße mich wie von selbst durch die Dunkelheit tragen. Ich laufe nicht, ich schwebe, ohne meine Beine zu fühlen, und sollte ich dabei auch heftig keuchen, so nehme ich es selbst schon längst nicht mehr wahr. Alles so hell, gleißend wie eine unendliche Lichterkette, die Umgebung stockfinster und doch springen mir aus jeder Ecke die glasklarsten Eindrücke entgegen. Ich muss weinen, schreien, fünf Rechnungen im Kopf überschlagen und unendlich lange schweigen, anders lässt sich die Welt nicht mehr ertragen. Das inwendige Zittern will sich jeglicher Glücksempfindung verweigern und tanzt doch schon seit halb eins in Dauerpirouetten. Es gibt keinen Grund, nicht den geringsten, will ich ihnen empört entgegenhalten und allem Freudentaumel die Existenz absprechen, doch er verselbständigt sich und treibt in abgespalteten Nebenkategorien weiterhin munter sein Unwesen.

Placebo, unhörbar und in Dauerschleife füllt meinen Kopf, nach dem sie pausenlos fragen. „Where is my mind?“ Fort, fort, einmal dagewesen und nie wieder, das sage ich nicht bloß so, das ist Faktum wie nie zuvor und unumstößliche Illusion einer trotz absoluter Sehkraft Blinden. Der Widerspruch des Lebens hat sich in meine Prinzipien eingewebt und treibt weit aufgerissene Tränen in den Beinahe-Winterwind. Mit einem Mal bin ich mir ganz sicher: Jeder muss es doch merken, die gesamte Welt kann es sehen, die Introspektion nach außen gestülpt, und paraverbale Ablenkung vom Wesentlichen war noch nie so mein Ding. Es ergibt doch keinen Sinn, nichts und niemand mehr und auch nicht die Stundenabfolge, die Erdanziehungskraft scheint sich im Regenrieseln zu verflüchtigen. Ich besitze kein Zeitgefühl mehr, habe die Orientierung verloren und renne dennoch immer weiter, auch wenn der letzte Funken Verstand mir sagt, dass ich eigentlich schon längst am Zusammenbrechen sein müsste. Aber was ist Logik jetzt mehr als ein leiser Widerhall aus den alten Zeiten vor drei Stunden, als ich noch glaubte und dachte und nur sah, was sich auch tatsächlich auf dieser Welt befand?
Es gibt Gründe, Worte niemals gesagt zu lassen, doch dieser sprengt alle Rationalität und den Rahmen des Erdenklichen. Blitze flammen auf, rauben mir die Scharfsicht und den Plan für die nächste Woche, zerknüllte Gewissheiten säumen den Bürgersteig, ein glühendes Schwert schmiegt sich an meine Schultern. This is not enough. (Die größten Dinge habe ich schon durch Talent gewonnen und durch Emotion wieder verloren, ich muss mich doch vor Wiederholungen bewahren, verstehst du?) Normalerweise überblicke ich, wohin die Fluchtwege führen und wann es Zeit für das richtige Ende ist, doch diesmal ist alles anders. Ich weiß, ich werde es wieder tun und mir dabei schon ein kleines bisschen skrupelloser vorkommen, weniger nachdenken, zögern und die Argumente sechs Mal überprüfen. Es wird leichter werden und doch nicht weniger weltbewegend, zumindest und gerade für mich, für die es alles bedeutet und noch längst nichts heißen kann.

Laute Signaltöne, ich nehme all meine Kräfte zusammen und weiß doch nur aus Gewohnheit, dass es wohl die letzten sind. Dann: Stolpern, ein kurzer Sturzflug (warum erst jetzt? so oft war ich knapp davor, selbst zu ebener Erde), dessen Revision und Absatzgeklacker, das erste Mal seit Ewigkeiten wieder vernehmbar und doch immer schon da gewesen. Stimmengewirr, Münzenwurf und ratternde Ungläubigkeit, dass es eventuell einen Grund zur Rückkehr geben könnte, ungeduldige Stöße und Worte nach wie vor ohne Sinn, Weitertaumeln durch Gedankennebel und endlich Ruhe, da Fahrtbeginn im 312er-Bus ins unscheinbare Heimatdorf.
Wie aus einem Fiebertraum erwachend, starre ich auf meine eigene heillos zitternde Hand, die seit vierzig Minuten den Fahrschein aus der Uni-Stadt umklammert hält.
Die erste Bachelorarbeit ist abgegeben.

Vorwandslos

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Er fände nie die richtigen Bilder, meinte er, nicht diejenigen, die die halbe Welt bedeuten und manchmal auch nur sie. Es sei auch nicht die seine, sondern fremdes Land auf weiter Flur, die Möglichkeiten viel zu groß zum Entscheid. Davonfließend im Dauerstrom, in etwa gleich benannt und über Wochen verteilt. Denn wer könnte ihm nicht absoluten Glauben schenken? Dem Großen, dem Ganzen und allen Details dazwischen, die das Kunstwerk am Leben erhalten? Wie lange noch die Seiten zerklüften, fragt es aus grober Nähe, bevor auch diese Bombe platzt. Zwischenzeilig ist längst alles geklärt, ein Spiel mit fatalem Ausgang, samt der Gesellschaftsverhältnisse im Gleichschritt. Uhren ticken, Kreisel drehen sich inmitten der affektinduzierten Gehege. „Hierin lebt ein weiteres seiner Art, vom Zeitenwandel bedroht und dennoch fleißig am Nachforschen, bis wann diesem noch beizukommen ist. Treten Sie näher, doch starren Sie bloß, angreifbar ist hier lediglich die Arbeitsmoral.“ Die Quadratur des Zirkels ruft nach Abschied, nur er bleibt stumm, um die Berechnung von Zufällen wissend wie kein and’rer zuvor. Dann werden wir wieder, und dort, gegenseitig und im besten Fall auch ohne Ende – gedacht, gesehen und gelaufen, jeder Schritt eine Scherbe im Glaspalast. Die Worte noch bleiern und voller Schlingen, doch Festhalten muss sein, an Zeiten wie an der Leinwand.

Doch nun habe ich sie gesehen, selbst und unvermeidlich: Feine Tupfen auf der Seide, die Hand zerschrammt vor Perfektion. Schönste Unerträglichkeit des Scheins, wie konnte man nur? Seine Beteuerung verfließt im vergangenen Monat, die Zukunft ungewiss und dünn beschrankt. Siehst du nicht, Seitengängerin, wie die Geheimnisse abtropfen wie die älteste Feindschaft nach dem dritten Glas? In vino periculum, das sag ich dir, und kein Punkt mehr über die Unterschwelligkeiten der gerüchtestreuenden Oberklasse. Nur wie die Quoten aktuell stehen, das wüsste ich ganz gern, aber mehr dazu vom Regisseur der Gesamtszenerie, wie grottenschwarz sein Humor inzwischen auch sei. Setzt man heutzutage schon auf ein neues Pferd? Und verzeih die lautverschobenen Floskeln, mir war nur kurz nach einer neuen Perspektive. Selbst Fallschirme vermochte man mir nicht zu leihen, aber vielleicht gelänge noch ein letzter Vorschlag: Vergessen wir uns doch und betrachten dabei die Sterne, besonders jenen über der fernen Stadt, längst ist er Geschichte und funkelt – ach! – so schön. Lass uns die Bedeutung aufspalten, ich behalte sie ganz, Ideale ausloten und viel zu viel um die Ecke vermuten. Feuerwerke aneinanderreihen, sodass sich die Explosionen berühren, schwerelos und funkenbunt (und jeder Pinselstrich sitzt!), bis die Mixtur ins Unverkennbare schwingt    und das alles in einen längst überfüllten Satz gießen, den ausnahmslos niemand verstehen kann.

Prokrastinationsnaturalismus

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Viel zu viel Schnee und Theorien, doch nicht das geringste Wort davon, dass es mich freuen würde. Stiltypologie des Menschen, der sich so lange im Reflexionsmodus hält, bis die Möglichkeiten an Substanz verlieren und mit dem Staub der Jahrhunderte von den Litfaßsäulen bröckeln. Sonderbar widerstandslos und watteweich fühlt sich die Luft an, deren Kohlenstoffgehalt nicht durch die Endprodukte einschlägiger lautlicher Äußerungen angereichert wurde. Im innersten Grund ist alles mess- und erklärbar, auch das viertelsekündliche Pochen und der Tremor des musculus flexor pollicis longus, der seit der Einuhrpause nicht mehr verschwinden will. Auch die beständige Unterkühlung der Oberfläche, die allen Strohfeuern zum Trotz den Fokus wahrt, auf das Jetzige, das ganz und gar Unmögliche. Im innersten Grund ist das Einzige, was brennt, eben derselbe, doch noch ist genug da zum Nachlegen und Betrachten der Momentaufnahme auf Goldfolie, und die schwärzenden Schrammen auf der Rückwand stören nicht, sie treten zurück hinter die Nebeneffekte der prestigeträchtigen Zusatzarbeit. (Im Abseits fangen Topjobs an, musste ich grinsen, als am 19. 01. um 16.03 Uhr die Lautsprecher schrillten und mich vom Seitengang der Bildungswelt aufgabelten.) Wir meinen niemals, was wir sagen, denn manche Dimensionen sind uns eine Nummer zu groß, als ob ich dieses Nischendasein noch nie zuvor geführt hätte. Und doch, die alten Männer hatten recht, es ist das Schweigen, aus dem die wahren Werke entstanden, das die Spannung am Leben erhält und die Feder am Kratzen, sie sollte dringend mal getauscht werden. Wir wissen und wir sind, aber beides nur in Maßen, die wir selbst festlegen. Bloß können die Überleitungen mitunter auch morsch und brüchig sein, jeder Sprung potenziell ein Sturz ins Leere, und die Poetologie des Wissens verspricht mehr, als sie zu geben bereit ist, wenn sich die Grenzen zugunsten des Sagbaren verschieben und bei der Raumaufteilung doch auf die zeitliche Dimension vergessen. Doch der Weg ist noch weit, und unabsehbar die Menge der Implikaturen, über die man auf eben jener langen Reise zu stolpern pflegt.

Schimpf und Schande

A photo by Philippe Mignot. unsplash.com/photos/Afqw8XrP1V8

Ob man denn nie einfach mal im Trockenen erwachsen werden könne, fragte er sich mit Gelegenheitszittern im Gepäck, während die Gassen seiner allmählichen Heimatstadt verschwammen. Es waren dieselben, die in grauer Vorzeit von drei langen, flackernden Schatten auf der Suche nach dem rechten Weg bevölkert worden waren. Brücken hatten sie überquert und Gartenzäune bestiegen, und zusammengebrochen waren sie unter der Last von fremden Ansprüchen, bis der Morgen tagte, wie es ein Jahr später Vertriebskongresse tun würden. Und auch, wenn sie kaum jemals etwas über den nächsten Tag wussten – der Horizont an klaren Wochenenden hatte sie gerettet. Weiterlesen