Über Claudia M. Kraml

i am under no obligation to make sense to you.

Vorwandslos

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Er fände nie die richtigen Bilder, meinte er, nicht diejenigen, die die halbe Welt bedeuten und manchmal auch nur sie. Es sei auch nicht die seine, sondern fremdes Land auf weiter Flur, die Möglichkeiten viel zu groß zum Entscheid. Davonfließend im Dauerstrom, in etwa gleich benannt und über Wochen verteilt. Denn wer könnte ihm nicht absoluten Glauben schenken? Dem Großen, dem Ganzen und allen Details dazwischen, die das Kunstwerk am Leben erhalten? Wie lange noch die Seiten zerklüften, fragt es aus grober Nähe, bevor auch diese Bombe platzt. Zwischenzeilig ist längst alles geklärt, ein Spiel mit fatalem Ausgang, samt der Gesellschaftsverhältnisse im Gleichschritt. Uhren ticken, Kreisel drehen sich inmitten der affektinduzierten Gehege. „Hierin lebt ein weiteres seiner Art, vom Zeitenwandel bedroht und dennoch fleißig am Nachforschen, bis wann diesem noch beizukommen ist. Treten Sie näher, doch starren Sie bloß, angreifbar ist hier lediglich die Arbeitsmoral.“ Die Quadratur des Zirkels ruft nach Abschied, nur er bleibt stumm, um die Berechnung von Zufällen wissend wie kein and’rer zuvor. Dann werden wir wieder, und dort, gegenseitig und im besten Fall auch ohne Ende – gedacht, gesehen und gelaufen, jeder Schritt eine Scherbe im Glaspalast. Die Worte noch bleiern und voller Schlingen, doch Festhalten muss sein, an Zeiten wie an der Leinwand.

Doch nun habe ich sie gesehen, selbst und unvermeidlich: Feine Tupfen auf der Seide, die Hand zerschrammt vor Perfektion. Schönste Unerträglichkeit des Scheins, wie konnte man nur? Seine Beteuerung verfließt im vergangenen Monat, die Zukunft ungewiss und dünn beschrankt. Siehst du nicht, Seitengängerin, wie die Geheimnisse abtropfen wie die älteste Feindschaft nach dem dritten Glas? In vino periculum, das sag ich dir, und kein Punkt mehr über die Unterschwelligkeiten der gerüchtestreuenden Oberklasse. Nur wie die Quoten aktuell stehen, das wüsste ich ganz gern, aber mehr dazu vom Regisseur der Gesamtszenerie, wie grottenschwarz sein Humor inzwischen auch sei. Setzt man heutzutage schon auf ein neues Pferd? Und verzeih die lautverschobenen Floskeln, mir war nur kurz nach einer neuen Perspektive. Selbst Fallschirme vermochte man mir nicht zu leihen, aber vielleicht gelänge noch ein letzter Vorschlag: Vergessen wir uns doch und betrachten dabei die Sterne, besonders jenen über der fernen Stadt, längst ist er Geschichte und funkelt – ach! – so schön. Lass uns die Bedeutung aufspalten, ich behalte sie ganz, Ideale ausloten und viel zu viel um die Ecke vermuten. Feuerwerke aneinanderreihen, sodass sich die Explosionen berühren, schwerelos und funkenbunt (und jeder Pinselstrich sitzt!), bis die Mixtur ins Unverkennbare schwingt    und das alles in einen längst überfüllten Satz gießen, den ausnahmslos niemand verstehen kann.

Prokrastinationsnaturalismus

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Viel zu viel Schnee und Theorien, doch nicht das geringste Wort davon, dass es mich freuen würde. Stiltypologie des Menschen, der sich so lange im Reflexionsmodus hält, bis die Möglichkeiten an Substanz verlieren und mit dem Staub der Jahrhunderte von den Litfaßsäulen bröckeln. Sonderbar widerstandslos und watteweich fühlt sich die Luft an, deren Kohlenstoffgehalt nicht durch die Endprodukte einschlägiger lautlicher Äußerungen angereichert wurde. Im innersten Grund ist alles mess- und erklärbar, auch das viertelsekündliche Pochen und der Tremor des musculus flexor pollicis longus, der seit der Einuhrpause nicht mehr verschwinden will. Auch die beständige Unterkühlung der Oberfläche, die allen Strohfeuern zum Trotz den Fokus wahrt, auf das Jetzige, das ganz und gar Unmögliche. Im innersten Grund ist das Einzige, was brennt, eben derselbe, doch noch ist genug da zum Nachlegen und Betrachten der Momentaufnahme auf Goldfolie, und die schwärzenden Schrammen auf der Rückwand stören nicht, sie treten zurück hinter die Nebeneffekte der prestigeträchtigen Zusatzarbeit. (Im Abseits fangen Topjobs an, musste ich grinsen, als am 19. 01. um 16.03 Uhr die Lautsprecher schrillten und mich vom Seitengang der Bildungswelt aufgabelten.) Wir meinen niemals, was wir sagen, denn manche Dimensionen sind uns eine Nummer zu groß, als ob ich dieses Nischendasein noch nie zuvor geführt hätte. Und doch, die alten Männer hatten recht, es ist das Schweigen, aus dem die wahren Werke entstanden, das die Spannung am Leben erhält und die Feder am Kratzen, sie sollte dringend mal getauscht werden. Wir wissen und wir sind, aber beides nur in Maßen, die wir selbst festlegen. Bloß können die Überleitungen mitunter auch morsch und brüchig sein, jeder Sprung potenziell ein Sturz ins Leere, und die Poetologie des Wissens verspricht mehr, als sie zu geben bereit ist, wenn sich die Grenzen zugunsten des Sagbaren verschieben und bei der Raumaufteilung doch auf die zeitliche Dimension vergessen. Doch der Weg ist noch weit, und unabsehbar die Menge der Implikaturen, über die man auf eben jener langen Reise zu stolpern pflegt.

Schimpf und Schande

A photo by Philippe Mignot. unsplash.com/photos/Afqw8XrP1V8

Ob man denn nie einfach mal im Trockenen erwachsen werden könne, fragte er sich mit Gelegenheitszittern im Gepäck, während die Gassen seiner allmählichen Heimatstadt verschwammen. Es waren dieselben, die in grauer Vorzeit von drei langen, flackernden Schatten auf der Suche nach dem rechten Weg bevölkert worden waren. Brücken hatten sie überquert und Gartenzäune bestiegen, und zusammengebrochen waren sie unter der Last von fremden Ansprüchen, bis der Morgen tagte, wie es ein Jahr später Vertriebskongresse tun würden. Und auch, wenn sie kaum jemals etwas über den nächsten Tag wussten – der Horizont an klaren Wochenenden hatte sie gerettet. Weiterlesen

Nachspiel

nachspiel

Alles neu. Alles anders. Eine märzbrisenförmige Ahnung von Fortschritt lässt mich aufschrecken.
Die hohe Wand vor mir wirkt so weiß getüncht, als hätte sie nie das Tageslicht erblickt, denn Sonnenstrahlen lassen bekanntlich vergilben. Simpel, rein und unschuldig steht sie da – gleich einem blanken Blatt Papier, nur um ihrer selbst willen existierend. Die Möglichkeit eines Beschreibers, Wortkünstlers, Graffiti-Sprayers von vornherein ausgeblendet, keine Bühne für Fremdprojektionen jeglicher Art. Kein Bedarf an skriptbasierter Selbstoffenbarung oder auch nur dem winzigsten Versuch, irgendetwas darzustellen. Der Ist-Zustand in seiner klarsten Form, ausgesetzt einem unbekannten Publikum, doch das nur als notwendige Begleiterscheinung des Erzählens. Keine klammheimlich angehefteten Intentionen, keine Fußnoten, bloß die harten Fakten. Weiterlesen