Schimpf und Schande

A photo by Philippe Mignot. unsplash.com/photos/Afqw8XrP1V8

Ob man denn nie einfach mal im Trockenen erwachsen werden könne, fragte er sich mit Gelegenheitszittern im Gepäck, während die Gassen seiner allmählichen Heimatstadt verschwammen. Es waren dieselben, die in grauer Vorzeit von drei langen, flackernden Schatten auf der Suche nach dem rechten Weg bevölkert worden waren. Brücken hatten sie überquert und Gartenzäune bestiegen, und zusammengebrochen waren sie unter der Last von fremden Ansprüchen, bis der Morgen tagte, wie es ein Jahr später Vertriebskongresse tun würden. Und auch, wenn sie kaum jemals etwas über den nächsten Tag wussten – der Horizont an klaren Wochenenden hatte sie gerettet.
Heute war es das Gegenteil davon, ein zeitweilig verregnetes Datum in respektvollem Abstand zu allem, was Schlaf versprochen hätte, das Anlass zur Eile gebot. Es sei alles nicht so schlimm, stand auf dem Bildschirm, und der dadurch geschaffene Interpretationsspielraum jagte ihm Schauer über den Rücken. Erster Schritt, jemand von geringer Bedeutung kann auch durch die infamste Tat keine Träne rühren, zwei Schritte, die typische Selbstentwertung à la „ist doch gut, dass ansonsten niemandem was passiert ist“, drei Schritte, es war mal schlimm und ist es jetzt nicht mehr, weil, vierter Schritt, längst über alles hinweg und Aufbruch zu neuen Ufern, oder, fünfter Schritt, der unwahrscheinlichste Fall eines Aufwärtstrends in Sicht.
Sechster Schritt, Laternenpfahl.
Beim verworrenen Umdrehen der Blick auf Neonkonturen, und die schlüsselbartbedingte Schramme im Türknauf ließ keinen Zweifel, dass es sich ausgerechnet um die Bar vom 13. Dezember handelte. Eine wertlose Schlussfolgerung, mit der die Regisseurin wieder nur ihren Spott getrieben hätte. Mittlerweile waren die Cocktails schal geworden, und auch Celine schüttete ihnen nicht mehr ihr Herz aus, nur seines pochte von zu viel Nüchternheit und verlangsamte den Gang nach Canossa. Leise setzte der Nieselregen ein, endlich Kälte auf der roten Stirn.

Kurz darauf nur „rotten to the core“ im Ohr und ein paar unhaltbare Schritte, mehr brauchte es nicht, um ganz plötzlich auch schon mittendrin zu sein. Wie Marionetten saßen sie auf ihren Multifunktionsstühlen, stramm und aufrecht und mit siegreichem Verachtungsgrinsen im Blick. Ein Koloss mit vielen Gesichtern wandte sich ihm zu, sobald sein Stolpern in den Fensterscheiben hallte. Eine Fratze drängte sich aus der anonymen Masse nach vorn, maßte sich das Urteil an und lauerte, indem es Fragen stellte. Die innere Musik wand sich im Takt der Smalltalkkulisse, dem Vorspiel im berechnendsten Sinne: Die neue Lieblingslektüre soeben beendet, drei Stunden lang vor einem Kino gestanden, im Urlaub endlich wieder mehr Hobbys gepflegt. Sein eigenes, einziges bestand darin, das immer selbe Lied zu hören (heute war eine Ausnahme), überlegte er dem allgemeinen Satzgemisch beizufügen. Doch es war viel zu dicht und bildete Grenzen aus Maschendrahtzaun, die weder Hintergründe wie die seiner Andeutungen noch anderweitige Fehler zuließen. Was genau unter diese Kategorie fiel, das würde der polternde Gesamtkonjunktiv zweifellos zu entscheiden wissen.

Misstrauenszeichen in Form von Komplimenten, und zur gleichen Zeit ein Blinkton: Der Regisseurin gehe es vorzüglich, besser als je zuvor. Der innere Alarm vervollständigte die Leerzeile zum längst überfälligen Lippenbekenntnis. Er! Ha! Natürlich! Gewisse Unterschwelligkeiten seien nie davonzulächeln, auch wenn vergangene Freundschaft unter Verdacht steht. Das Auswahlverfahren war längst in Gang gekommen, ohne dass er eine Zuschrift erhalten hätte, für die nächste Inszenierung standen neue Komparsen auf dem Plan. Wie zur Bekräftigung krächzte draußen eine Dohle, doch er kam nicht mehr dazu, den Kopf zu wenden.
„Was haben Sie vorzubringen gegen das, was uns seit letzter Woche so zu Ohren gekommen ist?“ Der Verrat stand seinem Gegenüber ins Gesicht geschrieben, doch war das Wort zu schmutzig, als dass man es aussprechen hätte können, wenn man eine Cordhose trug.
Er erklärte sich mit regungsloser Miene und Automatenstimme, denn eigentlich ging ihn das alles nur sehr wenig an. Immerhin war er hier nur in Vertretungsfunktion für einen, der sich stets vom Vordergründigen blenden ließ und erst im Nachhinein erkannte, wer was tatsächlich in welcher Art und Weise gemeint hatte. Dann, wenn die Fristen abgelaufen waren und die Firmengeheimnisse an die Falschen ausgeplaudert, die lachten und ausschlachteten, was es nicht rechtzeitig zum Aktenvernichter geschafft hatte. Zwischen den Fronten war die Luft zu dünn, um sich schnellen Schrittes davonzumachen.

„Davon habe ich keine Kenntnis“, artikulierten fremde Lippen die Botschaft eines mechanischen Denkapparats. Es war die Antwort auf irgendeine Falle aus dem diffusen Dickicht, dessen Dornen sich immer vehementer abzuzeichnen begannen. Auf seiner Stirn loderten Flammen, während der Koloss in kollektiven Hohn aus- und die Sonne endlich die Wolkendecke durchbrach. Es fehlte bloß eine Kamera, um den Moment einzufangen, den er in seiner Einzigartigkeit wohl lange nicht mehr beobachten würde. Vorsichtig fragte er nach einem geeigneten Gerät, voll Entgegenkommen in seiner allmählichen Muttersprache, doch die Versammlung starrte selbst nur aus dem Fenster.
Da begriff er, was ihm seine eigenen Augen verborgen hatten, und mit Mühe unterdrückte er einen unkultivierten Ausdruck, bevor er sich zu seiner vollen Größe aufrichtete. Niemand bemerkte etwas davon, denn man kannte ihn nur rasend oder unsichtbar. Ein verhältnismäßig leichter Schlag gegen die Wandverglasung bedeutete den Ausgang aus der angenommenen Niedertracht, die retrospektiven Vorhaltungen gingen in Aufruhr unter.
Den Anlass dazu mit einem Kopfschütteln bezweifelnd, stürzte er zu ebener Erde hinaus und rannte bis zur altbekannten Nummer 10, wo seltsame Farbkleckse von der Unfähigkeit des Bühnenbildners zeugten. Im Haus war sie nicht, die Verfasserin kryptischer Nachrichten, die sich immer dann meldete, wenn man es am wenigsten erwartete. Sie würde wiederkommen, wenn es ihre Geschäftswege erlaubten, gleich am nächsten Tag oder auch in einem Jahr. Nur ganz leise ärgerte er sich über den Verbleib seines Regenschirms, der erst im Schutz der Dunkelheit wieder zu seinem Besitzer finden würde. Dann machte er die Musik endlich wieder an und nickte auf dem Heimweg im Rhythmus der Tropfen, wie es Marionetten für gewöhnlich tun.

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