Nachspiel

nachspiel

Alles neu. Alles anders. Eine märzbrisenförmige Ahnung von Fortschritt lässt mich aufschrecken.
Die hohe Wand vor mir wirkt so weiß getüncht, als hätte sie nie das Tageslicht erblickt, denn Sonnenstrahlen lassen bekanntlich vergilben. Simpel, rein und unschuldig steht sie da – gleich einem blanken Blatt Papier, nur um ihrer selbst willen existierend. Die Möglichkeit eines Beschreibers, Wortkünstlers, Graffiti-Sprayers von vornherein ausgeblendet, keine Bühne für Fremdprojektionen jeglicher Art. Kein Bedarf an skriptbasierter Selbstoffenbarung oder auch nur dem winzigsten Versuch, irgendetwas darzustellen. Der Ist-Zustand in seiner klarsten Form, ausgesetzt einem unbekannten Publikum, doch das nur als notwendige Begleiterscheinung des Erzählens. Keine klammheimlich angehefteten Intentionen, keine Fußnoten, bloß die harten Fakten.

Ich konnte nicht sagen, wie lange ich regungslos auf dem Boden gelegen war, oder was mich überhaupt in diesen Zustand versetzt hatte. Die Taubheit in meinen Armen sprach von einigen Stunden verdrehter Gliedmaßenakrobatik, während die Gedanken leise rumorten. Tausend Bilder blitzten in einer einzigen Sekunde auf und verglommen in eben jenem Moment, in dem sich zwei Teile davon ineinanderfügten. Ein kühlender Luftzug aus unbestimmter Richtung brachte meine Lider zum Zucken und vertrieb zugleich die Schleier vor den Augen. Doch was den Raum in seiner von mir noch nicht überblickbaren Gesamtheit ausfüllte, war vor allem ein Duft. Er schien aus dem Nichts zu kommen, durch alle Ritzen zu dringen und jedermann in seinen samtenen Mantel einzuhüllen, der sich ihm in den Weg stellte, die unbequemen Fragen zuallererst. Ich wollte den noch so neuen, schmalen Streifen an Gegenwartssinn nicht loslassen, nicht schon wieder, aber die nachtrosenschwere Wärme ließ mir keine andere Wahl.

Vor mein inneres Auge schoben sich Szenen inmitten eines Gewirrs von winterstarren Stadtgassen, deren spärliche Laternen längst nur mehr orangefarben flackerten. Wir liefen durch die schweigende Zeit zwischen den Jahren, ich und mein Verbündeter, unsere Schritte gedämpft durch bald schmelzenden Schnee. Das Ziel war noch fern und fand sich doch vorerst schon im Café um die Ecke, das Zuflucht bot für Menschen wie uns, Kunstversuchte und Scheiterungsgewöhnte am Überkreuzungspunkt. Zwischen Holztischen und Messingleuchtern bildete sich Zukunft im Drehbuchformat, sezierte Wörter zu neuen Gestalten, und nicht selten mahnte eine pragmatische Seele am Morgen danach: „In dem Cocktail war ‘was.“
Doch auf einer richtigen Feier waren wir noch nie zusammen gewesen, schon gar nicht auf einer wie der, welcher meine letzte Erinnerung galt und auch noch die Aufmachung. Ich trug das türkisgrüne Sommerkleid meiner Cousine, nun von einem schmalen Riss durchzogen.

„Es war ein Missgeschick, ein Fehler. Unverzeihlich, aber solche Dinge passieren. Damit muss man wohl leben.”
Das sonore Hallen ließ mich aufblicken und in ein Gesicht starren, das ich schon hundert Mal im Traum erkannt hatte.
„Um Himmels willen, warum…“
„Ich wünsche dir auch einen guten Morgen.“
Jedes Wort in diesem Satz irritierte mich, doch er lächelte und ich versuchte dasselbe, im Gedanken, ich müsse das alles unbedingt meinem Verbündeten erzählen. Eine Sekunde später wurde mir bewusst, dass dies längst nicht mehr möglich war, denn die Dimensionen hatten sich gewandelt und wir waren höchstens noch Zugsinsassen mit gemeinsamem Haltewunsch.

„Es ist niemandem etwas passiert, das nicht eingeplant war, außer deinem Kleid, als du gefallen bist. Vergiss die Ärgernisse der letzten Wochen oder auch Jahre, ganz nach Belieben, denn ab jetzt lernst du neue Dinge kennen. Bisher hast du die Welt aus einer anderen Perspektive gesehen, warst einer der regenschirmbespannten Flecken vor Betonhintergrund…“ Er deutete zum Fenster, doch nach wie vor fühlte ich mich zu schwach, um aufzustehen. Alles, was ich durchs Glas ausmachen konnte, war eine weiße Dohle, die auf dem noch kahlen Ast davor kauerte und die kunstvoll arrangierten Pflanzen im Zimmer betrachtete.
„Nun stehen wir beide hier, hoch über den Dächern, und blicken hinunter auf das Menschenlabyrinth. Erkennen Muster und Dynamiken, wo andere nur wirres Getümmel sehen. Verfügen sozusagen über ein Marionettentheater, dessen Fäden wir mit Geschick zu ziehen wissen.“ Der Vergleich kam mir bekannt vor, und sein spöttisches Lächeln erbrachte sogleich den Beweis, dass er genau wusste, woher er seine Zitate nahm. „Es hätte hohe Wellen schlagen können, wenn ich sofort offen und ehrlich gewesen wäre. Ich musste sichergehen und nutzte erst mal meine Beziehungen, nachdem Geld anderswo oft sehr gefragt ist. Denn einen Vorteil haben riesengroße Verwirrspiele: Sie hinterlassen selten Fährten. Ich habe Ahnungslosigkeit vorgetäuscht, du wurdest getäuscht und hast es selbst getan, wenn auch nicht im Wissen darum, worum es eigentlich ging. Du fragst dich ja noch immer, wo du hier um alles in der Welt hineingeraten bist, doch diesmal kann ich dir sagen, es ist der richtige Film. Es wäre nur sehr unangenehm geworden, wenn man meinen Vater mit deiner Existenz konfrontiert hätte. Du bist das Kind, das der mächtigste Mann seiner Branche offiziell nie hatte.“
Und dann begann er erst wirklich zu sprechen, in einer fremden Sprache, von der ich wünschte, ich würde sie nicht verstehen. Eigentlich konnte auch niemand so reden, nicht hier, nicht jetzt und jedem vertrauten Kontext enthoben, und dennoch tat er genau das und drängte mich damit immer näher in die Richtung der makellosen Raumbegrenzung.

Allmählich wurden seine Worte von stechendem Kopfschmerz überlagert, denn ich dachte wieder.
An die nebeldurchwirkten Schattenaufnahmen, die mein Traum gewesen waren, aus dem es vielleicht gar kein Entrinnen gab.
An das Geld, das offenbar zählte und dessen Resultate mir doch so wenig reizvoll erschienen, vielleicht abgesehen von dem goldbesetzten Füller auf der Fensterbank.
Und daran, dass ich eigentlich nichts lieber wollte als ein Blatt Papier, um die Äquivalenzen der Gegenwart auf chlorfreies Recyclingmaterial zu fesseln. Die durchsichtigen Flecken in meiner Erinnerung mit phosphoreszierender Dunkelheit zu vermengen, bis sich ihr Grau im Frühlingsdunst über der Stadt verlor. Verwirrungen vertonen und den entscheidenden Kontrapunkt setzen, damit niemand in Versuchung geriet, schiefen Tönen länger nachzulauschen.
Alles, nur nicht dasitzen und im Überweiß der Wand die Unbegreiflichkeiten potenzieren.

Eine Hand vor meinen Augen, doch nicht ganz so schlank und feingliedrig wie die des Verbündeten.
„Steh auf, es muss weitergehen. Und ein Ende haben – ganz, wie man es nimmt. Ständig balancieren wir auf dem schmalen Grat zwischen Licht und allem anderen, zwischen tausend Nuancen und der Frage nach der eigenen Position. Sie bleibt letztlich unsere eigene Entscheidung. Auch, wenn vieles geschehen ist, muss verhindert werden, dass sich dem noch mehr dunkle Kapitel anschließen. Dagegen müssen wir ankämpfen, nicht gegen Menschen, sondern gegen die Unmenschlichkeit von Intentionen. Fehler dürfen vorkommen, wenn man aus ihnen lernt, schreiben wir also auf der hellen Seite weiter und machen das Beste aus jedem Absatz. Die absolute Reinheit gibt es nicht, doch bunte Farben sind umso schöner.“
Langsam richtete ich mich auf und folgte ihm zur Fensterbank.

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